Hipólito Yrigoyen (Irigoyen), Dr. jur.

geb. 12.07.1852, Buenos Aires, Argentinien
gest. 03.07.1933, Buenos Aires, Argentinien

Ehrung
Ehrenzeichen 1921

Juan Hipólito del Sagrado Corazón de Jesús Yrigoyen stammte aus einer Familie baskischer Herkunft und wuchs in Buenos Aires auf. Er war Jurist, Lehrer für argentinische Geschichte, Staatsbürgerkunde und Philosophie, Landbesitzer und Viehzüchter sowie Politiker. 1891 war er Mitbegründer der Oppositionspartei Unión Cívica Radical (UCR, Radikale Bürgerunion), die sich gegen die Vorherrschaft der traditionell herrschenden, konservativen Landoligarchie in Argentinien wandte. Ihre politischen Ziele waren vor allem die Förderung der Demokratisierung durch freie Wahlen und die Bekämpfung der Korruption. 1896 übernahm Yrigoyen die Führung der UCR. Sein politisches Engagement trug 1912 zur Verabschiedung des Sáenz-Peña-Gesetzes bei, das das allgemeine Wahlrecht für Männer begründete. 1916 wurde er auf Basis dieses Gesetzes mit knapper Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Hipólito Yrigoyen gilt daher als erster Präsident Argentiniens, der direkt vom (männlichen) Volk gewählt wurde.

In seiner ersten Amtszeit als Präsident (1916–1922) führte Yrigoyen Sozialreformen durch (Einführung des Mindestlohngesetzes, Regulierung der Arbeitszeiten, obligatorische Altersversorgung, Einführung eines öffentlichen Bildungssystems), die die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse verbessern sollten. Andererseits wurden mehrere große Arbeiterproteste von seiner Regierung mit militärischer Gewalt unterdrückt, wie in der „Semana Trágica“ (Tragische Woche) in Buenos Aires 1919, beim Massaker von La Forestral 1921 oder bei der Niederschlagung des Patagonischen Aufstands 1921/22. Wirtschaftspolitisch bemühte sich Yrigoyen, Argentiniens Autonomie zu stärken, u.a. die staatliche Kontrolle der Ölindustrie zu vergrößern und die Abhängigkeit von ausländischen Investoren zu verringern, was ihm die Kritik einer zu interventionistischen Wirtschaftspolitik einbrachte. Während des Ersten Weltkriegs bewahrte Yrigoyen trotz starken diplomatischen Drucks vonseiten Großbritanniens und der USA die Neutralität Argentiniens.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zählte Argentinien zu jenen Ländern, die sich intensiv für die Linderung der humanitären Notsituation der Nachkriegsjahre in Österreich, besonders in Wien, einsetzten. Auf Initiative des argentinischen Gesandten in Wien, Fernando Pérez, beschloss die Nationalversammlung Argentiniens am 27. August 1920 die Vergabe eines Kredits in der Höhe von fünf Millionen Pesos an Österreich. Der zinsfreie Kredit ermöglichte es, Kleidung und Lebensmittel für die notleidende österreichische Bevölkerung in Argentinien anzukaufen. Ab Februar 1921 trafen tausende Tonnen an Hilfsgütern ein, wobei die argentinische Regierung auch den Schiffstransport nach Europa übernahm und die österreichische Regierung lediglich den Landtransport vom Hafen in Hamburg nach Wien tragen musste. Die Koordination und die Verteilung der Hilfsgüter erfolgte über ein argentinisches Hilfswerk in Wien – mit Yrigoyen als Ehrenpräsidenten und Gesandten Pérez als Ehrenvorsitzenden. Die Hilfsleistungen sollten vor allem Kindern und Jugendlichen, schwangeren Frauen und Müttern sowie alten und kranken Menschen zugutekommen, u.a. erhielten aber auch Universitätsprofessoren Lebensmittelzuschüsse. Als Dank für die Hilfsmaßnahme beschloss der Gemeinderatsausschuss für Kultur der Stadt Wien auf Antrag des Gemeinderates Stanislaus Schneider (SDAP) am 27. Jänner 1921, die bisherige Alleegasse in Wien-Wieden (4. Bezirk) in Argentinierstraße umzubenennen.

Aufgrund der humanitären Hilfe, die auch den Studierenden und Lehrenden der Universität Wien zugutekam, beschloss die Kommission für die Gründung eines Ehrenzeichens der Universität Wien unter Vorsitz von Rektor Alfons Dopsch am 9. Juni 1921 den Antrag an den akademischen Senat zu stellen, Yrigoyen und weiteren Personen aufgrund der materiellen Verdienste das neue Ehrenzeichen zu verleihen. Der Akademische Senat beschloss schließlich am 15. Juni 1921 die Verleihung des Ehrenzeichens der Universität Wien an Hipólito Yrigoyen, Fernando Pérez sowie sechs weitere Personen. Die Auszeichnung wurde im Juli 1921 postalisch zugestellt.

Yrigoyens erste Amtszeit als Präsident endete 1922. Da eine Wiederwahl für das Amt verfassungsmäßig verboten war, folgte ihm Marcelo de Alvear nach. Nach dessen Amtszeit wurde Yrigoyen jedoch 1928 mit überwältigender Mehrheit ein zweites Mal ins Präsidentenamt gewählt.

Aus Anlass von Hipólito Yrigoyens Wiederwahl wandte sich der emeritierte Wiener Medizinprofessor Ernst Fuchs am 5. Mai 1928 an den Rektor der Universität Wien, Heinrich Peham, und regte ein Ehrendoktorat für Hipólito Yrigoyen an, um diesem für die humanitäre Hilfe nach dem Krieg, aber auch seinen Einsatz für die Neutralität Argentiniens während des Krieges zu danken. Die in Argentinien ansässigen Österreicher*innen seien dadurch von einer Konfiskation ihres Eigentums, Sperrungen ihrer Geschäfte und Internierungen verschont geblieben. Während seines Besuchs in Buenos Aires 1927 habe Fuchs von „hervorragenden Mitgliedern der dortigen österreichischen Kolonie […] Befremden und Bedauern [vernommen], dass Österreich nichts getan hätte, um Irigoyen seine Dankbarkeit zu zeigen“. Zudem sprach sich Fuchs in seiner Funktion als Präsident der neugegründeten österreichisch-argentinischen Gesellschaft in Wien dafür aus, dass eine Ehrung Yrigoyens durch die Universität Wien für alle Österreicher*innen in Argentinien förderlich wäre.
In seiner Antwort wies Rektor Peham einerseits darauf hin, dass Yrigoyen für seine materiellen Verdienste bereits 1921 das Ehrenzeichen der Universität Wien erhalten hatte, andererseits auf die Grundbedingung, dass ein Ehrendoktorat nur bei Vorliegen besonderer wissenschaftlicher Verdienste verliehen werde. Dieser Argumentation folgend entschied der Senat der Universität Wien am 25. Mai 1928, die Anregung einer weiteren Ehrung Yrigoyens durch die Universität Wien nicht weiterzuverfolgen.

In seiner zweiten Amtszeit als Präsident, die Yrigoyen im Alter von 76 Jahren antrat, war die argentinische Innenpolitik zunehmend von Korruption und Stagnation geprägt. Zu wachsendem Widerstand aus konservativen und militärischen Kreisen kamen mit der 1929 beginnenden Weltwirtschaftskrise auch massive wirtschaftliche Probleme hinzu. Im September 1930 stürzte schließlich ein konservativer Militärputsch unter Führung von General José Félix Uriburu seine Regierung. Die folgenden Jahre, in denen die Rückkehr der UCR in die Regierung mehrfach durch Wahlbetrug verhindert wurde, gingen als „década infame“ („schändliche Dekade“) in das argentinische Gedächtnis ein.

Nach dem vorzeitigen Ende seiner Präsidentschaft verbrachte Hipólito Yrigoyen seine letzten Lebensjahre abseits der aktiven Politik. Er starb am 3. Juli 1933 im Alter von 80 Jahren in Buenos Aires.

Archiv der Universität Wien, R 34.4: Ehrenbuch 1921–1959; Akademischer Senat, Gz. 708 ex 1919/20 (Ehrenzeichen); Akademischer Senat Gz. 965 aus 1927/28 (Antrag Ehrendoktorat).

Katharina Kniefacz