Erwin Eugen Schneider, o. Univ.-Prof. Dr. phil., Lic. theol., Dr. theol. h.c.
geb. 25.03.1892,
Brno,
Tschechien
gest. 09.09.1969,
Wien,
Österreich
geb. 25.03.1892,
Brno,
Tschechien
gest. 09.09.1969,
Wien,
Österreich
| Funktion | Zeitraum | Fakultät |
|---|---|---|
| Dekan*in | 1949/50 | Evangelisch-Theologische Fakultät |
| Dekan*in | 1950/51 | Evangelisch-Theologische Fakultät |
| Dekan*in | 1955/56 | Evangelisch-Theologische Fakultät |
| Rektor | 1958/59 | Evangelisch-Theologische Fakultät |
| Dekan*in | 1961/62 | Evangelisch-Theologische Fakultät |
Erwin Eugen Schneider, Sohn des Illustrationszeichners Karl Schneider und dessen Ehefrau Sofie (geb. Machal), besuchte die evangelische Volksschule und das I. k.k. Deutsche Staatsgymnasium in seiner Geburtsstadt Brünn. Nach der Reifeprüfung begann er 1910 gleichzeitig das Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien sowie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Wien, die damals noch nicht Teil der Universität Wien war, u.a. bei Josef Bohatec. An der Universität zählten vor allem die Philosophen Robert Reininger, Oskar Ewald, Heinrich Gomperz, Adolf Stöhr and Friedrich Jodl sowie die Kunsthistoriker Josef Strzygowski und Max Dvořák zu seinen Lehrern. In den ersten zwei Semestern belegte er auch Kurse in Englisch – wohl als Vorbereitung, um 1911 an einer ökumenischen Studentenkonferenz in Liverpool teilzunehmen. Von Sommersemester 1912 bis Sommersemester 1913 setzte er beide Studien in Marburg an der Lahn sowie Halle an der Saale fort, ehe er im Herbst 1913 für die letzten Studiensemester nach Wien zurückkehrte. Im März 1914 legte er das I. Theologische Staatsexamen ab, am 6. Juli 1914 wurde er aufgrund seiner Dissertation über Immanuel Kant („Das Subjektproblem“) zum Doktor der Philosophie promoviert. Das II. Theologische Staatsexamen absolvierte er in Bielitz (Bielsko) und 1917 erlangte er in Halle mit der Studie „Religion als Erfahrung am Worte Gottes nach Luther“ den Titel Lic. theol. Entgegen einigen biografischen Abhandlungen über Schneider, die auch ein Studium an der Akademie der bildenden Künste anführen, konnte er nicht als Student der Akademie verifiziert werden.
Ab 1914 war Schneider als Vikar im böhmischen Karlsbad (Karlovy Vary) tätig und heiratete Susanne Feller, die Tochter des Liturgikers Camillo Feller. Im Ersten Weltkrieg war er ab 1916 als Feldkurat an der Südfront eingesetzt und wirkte ab 1918 als Pfarrer in Laibach (Ljubljana), 1921 kurzzeitig in Belgrad und schließlich wieder in Karlsbad.
Als Gustav Entz 1922 als Ordinarius für Praktische Theologie an die neu in die Universität Wien integrierte Evangelisch-Theologische Fakultät berufen wurde, folgte ihm 1923 Erwin Schneider als Pfarrer der evangelischen Gemeinde Wien-Hietzing nach. Bis 1948 war er dort Geistlicher. In dieser Funktion betrieb er ab 1923 die Vorbereitung und den Bau der Kreuzkirche in der Cumberlandstraße 48 (Architekt: Theophil Niemann), die 1930/31 erbaut wurde. Die Innenräume gestaltete Schneider, der sich in der Tradition seines Vaters auch als Maler betätigte, selbst.
Schneider gab zwischen 1933 und 1938 das „Mitteilungsblatt für die Amtsträger der Evangelischen Kirche A.B. und H.B. in Österreich“ (ab 1935 „Mitteilungsblatt für die Amtsträger der Deutschen evangelischen Kirchengemeinde in Österreich, der Tschechoslovakischen Republik und Jugoslaviens“) heraus. Er leitete ab 1934 außerdem die apologetische Zentrale der lutherischen Kirchenkonferenz und veranstaltete Schulungskurse für Pfarrer und Vikare. 1935 gründete er in Wien die Evangelische Volkshochschule, die er bis zum „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 leitete.
Wie Franz Graf-Stuhlhofer 2001 und Karl W. Schwarz 2022 ausführen, war Erwin Schneiders politische Haltung in den Jahren 1933 bis 1945 ambivalent.
Während des Austrofaschismus wurde er nicht Mitglied der Vaterländischen Front. Das Dollfuß-Schuschnigg-Regime verdächtigte ihn vielmehr, mit der NSDAP zu sympathisieren. Am 21. April 1936 wurde die aktuelle Ausgabe seines Mitteilungsblattes (Folge 13 vom 15. März 1936) beschlagnahmt und eine Voruntersuchung gegen Schneider eingeleitet. Als Schriftleiter hatte er einen Artikel mitverantwortet, der behördliche Maßnahmen gegen den wegen NS-Betätigung festgenommenen evangelischen Pfarrer Gerhard Fischer aus Thening/Oberösterreich thematisierte und eine Ungleichbehandlung der evangelischen Kirche andeutete. Nach Urteil des Landesgerichts für Strafsachen vom 23. Oktober 1936 erschienen „Solche und gleichgeartete Auslassungen […] geeignet, durch unwahre Angaben oder Entstellung von Tatsachen die Anordnungen oder Entscheidungen der Behörden herabzuwürdigen, oder auf solche Weise andere zum Hasse, zur Verachtung oder zu grundlosen Beschwerdeführung gegen Staatsbehörden oder gegen einzelne Organe der Regierung in Beziehung auf ihre Amtsführung aufzureizen (§ 300 St.G.)“ Das Druckwerk wurde daher als verfallen erklärt. Das Verfahren gegen Schneider war jedoch am 22. Juli 1936 im Rahmen der Juliamnestie eingestellt worden.
Unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs zeigte sich Schneider zunächst hoffnungsvoll-positiv gegenüber dem NS-Regime. In seiner Pfarre hielt er am 18. April 1938 im Rahmen eines Dankgottesdienstes eine Predigt, in der er den „Anschluss“ als eine Fügung Gottes deutete. In mehreren Gutachten, die die Gauleitung Wien über Schneiders politische Zuverlässigkeit einholte, wurde er als „schon vor dem Umbruch national“, nun „nationalsozialistisch eingestellt“ bzw. als mit dem Nationalsozialismus sympathisierend beschrieben, wenn 1940 auch eine wachsende Distanz zum NS-Regime angemerkt wurde. Dennoch galt Schneider als „politisch einwandfrei“. Zugute gehalten wurde ihm seine Förderung von illegalen NSDAP-Mitgliedern vor 1938, v. a. die Ermöglichung von geheimen Zusammenkünften in seiner Pfarre. Er war zudem Mitglied in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und dem Reichsbund der Deutschen Beamten (RDB).
Neben seiner geistlichen Tätigkeit war Schneider auch als Maler tätig: 1939 gestaltete er ein großes Wandgemälde für die 1935 erbaute Auferstehungskirche in Eisenstadt.
1943 war Erwin Schneider kurzzeitig – wohl als Vertretung des evangelischen Gefängnispfarrers Hans Rieger im Wiener Landesgericht – als Gefangenenseelsorger im Einsatz. Im Sterbebuch des landesgerichtlichen Gefangenenhauses Wien 1938–1945 sind 1184 Hingerichtete verzeichnet. Schneider leistete am 30. Juni und 1. Juli 1943 insgesamt zehn Todeskandidaten priesterlichen Beistand vor deren Enthauptung durch das Fallbeil. Die Hinrichtungen fanden anschließend im 2–3-Minuten-Takt statt. Sieben davon waren evangelisch, zwei gottgläubig sowie einer konfessionslos – bei den letzten drei ist im Sterbebuch explizit vermerkt, dass sie den geistlichen Beistand Schneiders „auf Verlangen“ erhalten hatten. Sechs der Hingerichteten waren aufgrund politischer Delikte (Hochverrat bzw. „Heimtücke“), drei als sogenannte „Gewohnheitsverbrecher“ (wegen wiederholter Straftaten wie Diebstahl und Betrug) sowie einer wegen Mordes verurteilt worden.
Nach Kriegsende 1945 wurde Erwin Schneider zum außerordentlichen Oberkirchenrat berufen und fungierte bis 1949 als Stellvertreter des evangelischen Bischofs Gerhard May. In dieser Zeit übernahm er auch die Schriftleitung des bischöflichen Organs „Amt und Gemeinde“. Er war zudem Obmann des Gustav-Adolf-Vereins Wien und des evangelischen Schulvereins.
An der Universität Wien war Schneider ab 1946 als außerordentlicher Professor tätig und erhielt einen Lehrauftrag für Christliche Kunst. 1948 erfolgte schließlich seine Berufung zum ordentlichen Professor für Systematische Theologie A.B.
In den Studienjahren 1949/50, 1950/51, 1955/56 sowie 1961/62 übte er das Amt des Dekans der Evangelisch-Theologischen Fakultät aus. Die Dekane hatten sich bereits 1957 auf einen neuen Turnus geeinigt, demzufolge im Folgejahr erstmals der Rektor aus der Evangelisch-Theologischen Fakultät gewählt werden sollte. 1958 konnte die Wahl Schneiders jedoch nur gegen den vehementen Widerstand des amtierenden Rektors Erich Schenk, der sich auf die katholische Tradition der Universität berief, nach einem umfangreichen Rechtsgutachten der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät und mit wesentlicher Unterstützung des katholisch-theologischen Dekans Franz Arnold durchgesetzt werden. Bei der Wahl am 26. Juni erhielt Schneider schließlich 18 der 25 Stimmen – und wurde damit im Studienjahr 1958/59 der erste Rektor aus der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Seine Antrittsrede als Rektor widmete Schneider dem Thema „Wissenschaftlichkeit und Wahrheit“. In seiner Amtszeit beschloss der Senat der Universität Wien, die (zunächst ausgelassenen) Namen der NS-Rektoren Fritz Knoll und Eduard Pernkopf in die Rektorentafel der Universität Wien nachtragen zu lassen. Am Tag der Übergabe des Rektorats an Tassilo Antoine verlieh ihm die Universität Wien am 25. November 1959 das Rektorserinnerungszeichen.
1963 erfolgte seine Emeritierung an der Universität Wien – sein Nachfolger wurde Wilhelm Dantine.
Auch neben seiner universitären Karriere war Schneider als bildender Künstler tätig. Ab 1951 widmete er sich der Ausgestaltung der evangelischen Kirche in Fresach/Kärnten (Fresken, Glasfenster, Ausstattung), 1952 in der „Waldkirche“ in St. Aegyd im Neuwalde in Niederösterreich.
Erwin Schneider war 1955 Initiator und Mitbegründer und bis zu seinem Tod erster Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Erwachsenenbildung. Er fungierte außerdem als Vorstandsmitglied der 1952 gegründeten Evangelischen Akademie Wien.
Die Universität Heidelberg verlieh ihm am 15. Dezember 1958 – während seiner Amtszeit als Rektor – das Ehrendoktorat der Theologie. 1960 wurde Erwin Eugen Schneider Mitbegründer und erster Präsident der Johannes-Mathesius-Gesellschaft. Kurz vor seinem Tod wurde er mit der Johannes-Mathesius-Medaille geehrt. Er erhielt das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.
Erwin Eugen Schneider starb am 9. September 1969 im Alter von 77 Jahren.
Anlässlich seines 50. Todestages veranstaltete die Evangelische Pfarrgemeinde A.B. in Eisenstadt 2019 ein Symposion zu seinen Ehren, dessen Vorträge 2022 im „Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich“ veröffentlicht wurden.
Religion als Erfahrung am „Worte Gottes“ nach Luther. Eine religionsphilosophische Studie, 1917.
Christliche Presse und kirchliches Öffentlichkeitswirken in Österreich (in: F. Siegmund-Schultze (Hg.), Ekklesia IV/14: Die Evangelische Kirche in Österreich), 1935.
Zur Revision der theologischen Lehre von den Ordnungen (in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 54), 1957.
Das Mysterium der Gerechtigkeit. Anläßlich der Kritik Hans Kelsens gegen Emil Brunner (in: Theologische Zeitschrift 13), 1957.
Wissenschaftlichkeit und Wahrheit in der Theologie [Rektoratsrede] (in: Theologische Zeitschrift 15), 1959.
Melanchthon, der erste Schulmeister des Luthertums, 1960.
Mysterium iniquitatis. Das heilige Geheimnis der Sünde (in: Theologische Zeitschrift 19), 1963.
Der Türk ist der Lutherischen Glück (in: O. Thulin (Hg.), Reformation in Europa), 1967.
Die Wahrheit als Zentralbegriff der Theologie (in: Theologische Zeitschrift 23), 1967.
> Wien Geschichte Wiki (abgerufen am 29.08.2025)
> KnowledgeBase ErwachsenenBildung: Evangelische Erwachsenenbildung (abgerufen am 29.08.2025)
> Symposion „Professor Erwin Eugen Schneider (1892 – 1969)“, 14. September 2019, Eisenstadt (abgerufen am 27.03.2026)
Archiv der Universität Wien, Evangelisch-Theologische Fakultät THE 2.2, Matrikel ordentliche Hörer, Nr. 2237 und 2328.
Archiv der Universität Wien, Philosophische Fakultät, Nationale Wintersemester 1910/11, S. 129–130, Nationale Sommersemester 1911, S. 100, Nationale Wintersemester 1911/12, S. 135, Nationale Wintersemester 1913/14, S. 208, Nationale Sommersemester 1914, S. 173–174.
Archiv der Universität Wien, Philosophische Fakultät, Promotionsprotokoll M 34.4, Nr. 124.
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Sterbebuch des landesgerichtlichen Gefangenenhauses Wien 1938–1945 (Kopien aus Originalbestand am Landesgericht für Strafsachen Wien), fol. 49–58.
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Akt 31036/3774.
Auskunft des Universitätsarchivs der Akademie der bildenden Künste Wien, 02.04.2026.
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