Tschermak Edler von Seysenegg, Gustav

o. Univ.-Prof. Dr. phil.

19.04.1836–04.05.1927

geb. Littau, Mähren | Litovel, Tschechien
gest. Anastasius-Grün-Gasse 52 , Wien, Österreich

Gustav Tschermak (1836–1927), Mineralogie

Gustav Tschermak Edler von Seysenegg

Vater des Botanikers Erich Tschermak-Seysenegg

Ehrung Titel Fakultät Datierung
Denkmal Arkadenhof Philosophische Fakultät 1936

Reliefplakette von Rudolf Marschall, gewidmet von der Familie Tschermak-Seysenegg, enthüllt 1936.

siehe auch u:monuments: Denkmal Gustav Tschermak

Raumbenennung Tschermak-Saal (UZA II) Formal- und Naturwissenschaftliche Fakultät nach 1995

Funktion Zeitraum Fakultät
Dekan*in 1883/84 Philosophische Fakultät
Rektor 1893/94 Philosophische Fakultät
Gustav Tschermak (1836–1927), Mineralogie
Gustav Tschermak (1836–1927), Mineralogie
Enthüllung der Gedenktafel für Gustav Tschermak-Seysenegg im Arkadenhof der Universität Wien
Enthüllung der Gedenktafel für Gustav Tschermak-Seysenegg im Arkadenhof der Universität Wien
Denkmal für Gustav Tschermak im Arkadenhof der Universität Wien, gestaltet von Rudolf Marschall, enthüllt 1936
Denkmal für Gustav Tschermak im Arkadenhof der Universität Wien, gestaltet von Rudolf Marschall, enthüllt 1936

Gustav Czermak (Tschermak), Sohn des Gemeinde- und Steuerbeamten Ignaz Markus Czermak und dessen Ehefrau Rosa, geb. Kosternitz, besuchte ab 1848 das Gymnasium in Olmütz (Olomouc). Bereits als Schüler wandte er sich naturwissenschaftlichen Studien zu. Auch in politischer Hinsicht wurde er bereits während seiner Schulzeit aktiv: Seine deutschnationale und antislawische Gesinnung äußerste sich in der Gründung eines „Verein zur Pflege der deutschen Sprache“, den er auch über mehrere Jahre als Obmann leitete, und der Änderung der Schreibweise seines Familiennamens von „Czermak“ in „Tschermak“.

Gustav Tschermak inskribierte 1856 an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien und besuchte hier Lehrveranstaltungen in Mathematik, Chemie und Botanik, u.a. bei dem Chemiker Josef Redtenbacher und dem Botaniker Eduard Fenzl, der später auch sein Schwiegervater werden sollte. Zu seinen Lehrern zählten ebenfalls der Mineraloge Franz Xaver Zippe sowie der Physiker Wilhelm Joseph Grailich, der ihm die optischen Untersuchungsmethoden sowie die Kristallmessung näherbrachte. Sein Studium in Wien schloss Tschermak mit der Lehramtsprüfung für Chemie und Naturgeschichte ab und bildete sich im Bereich der Geologie autodidaktisch weiter. Anschließend studierte er mit dem Schwerpunkt Mineralogie an den Universitäten Heidelberg und Tübingen, wo er 1860 das Doktorat erlangte.

Nach Wien zurückgekehrt, wurde Tschermak 1861 für Mineralogie und physikalische Chemie an der Universität Wien habilitiert. Über Vermittlung von Franz Xaver Zippe erhielt er 1862 die Stelle des zweiten Kustosadjunkten am k.k. Mineralogischen Hofkabinett (heute: Mineralogische Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien) und wurde 1867 zum ersten Kustosadjunkten befördert. Nach dem Tod des Direktors Moriz Hoernes wurde Tschermak 1868 dessen Nachfolger. Unter seiner Leitung, die er bis 1877 innehatte, wurde die genaue Inventaraufnahme der Sammlungen eingeführt, die mineralogische Forschung befördert und die Sammlung von Meteoriten systematisch erweitert. Zudem gründete er 1871 die Fachzeitschrift „Mineralogische Mittheilungen“, die später als „(Tschermaks) Mineralogische und petrographische Mitteilungen“ weitergeführt wurde.

Im Jahr seiner Beförderung zum Direktor des Hofmineralienkabinetts – 1868 – wurde Gustav Tschermak zum außerordentlichen Professor für Petrographie an der Universität Wien ernannt. 1873 erfolgte seine Berufung auf die ordentliche Professur für Mineralogie und Petrographie, die er bis zu seiner Emeritierung 1906 innehatte. Nachdem er 1876 eine Berufung an die Universität Göttingen abgelehnt hatte, konnte er die Gründung eines Mineralogisch-Petrographischen Institutes an der Universität Wien durchsetzen, das 1878 eröffnet wurde und 1884 in das neue Universitätshauptgebäude am Ring übersiedelte. Mit der Institutionalisierung legte Tschermak den Grundstein für die moderne Mineralogie in Österreich. Zu seinen Schülern zählte u.a. Friedrich Becke.
An der Universität Wien fungierte Gustav Tschermak im Studienjahr 1883/84 als Dekan der Philosophischen Fakultät sowie 1893/94 als Rektor. In seiner Inaugurationsrede trat er für eine umfassendere Allgemeinbildung der Studenten im Rahmen des Lehrbetriebs ein, die einerseits durch die Vermittlung des Zusammenhangs der unterschiedlichen Disziplinen, andererseits durch eine Förderung des Kunstsinnes erreicht werden sollte.

In seinen vielfältigen, für die neuere Mineralogie prägenden Forschungsarbeiten untersuchte Gustav Tschermak zahlreiche gesteinsbildende Silikatmineralien sowie Meteoriten, für die er auch chemische und physikalische Untersuchungsmethoden heranzog. Unter anderem arbeitete er im Bereich der chemischen Mineralanalysen mit dem Chemiker Ernst Ludwig zusammen. In seinen „Studien über die Feldspathgruppe“ (1865) wies er nach, dass alle Arten der Feldspate auf drei in der Natur vorkommende Substanzen – Kali-, Natron- und Kalkfeldspat – zurückzuführen sind, die in unterschiedlichen isomorphen Mischformen vorkommen können (Prinzip des isomorphen Ersatzes). Er stellte empirische Regeln über den gegenseitigen Ersatz von unterschiedlichen Elementen in den Kristallgittern auf (Tschermaksche Substitution). Seine 1869 veröffentlichte und von der Akademie der Wissenschaften ausgezeichnete petrographische Arbeit „Porphyrgesteine Österreichs aus der Mittleren geologischen Epoche“ beruhte auf chemischen sowie mikroskopischen Gesteinsanalysen mittels polarisierten Lichts. Ab 1870 widmete sich Tschermak der Untersuchung der Zusammensetzung der Meteoriten in der Sammlung des Hofmineralienkabinettes. Als sein Hauptwerk gilt das 1884 publizierte „Lehrbuch der Mineralogie“, das bis 1923 neun Auflagen erreichte. Bereits 1863 hatte er einen „Grundriß der Mineralogie“ für Mittelschulen herausgegeben.

Für seine Verdienste um die Mineralogie in Österreich wurde Gustav Tschermak vielfach geehrt: Er gehörte seit 1866 der Akademie der Wissenschaften in Wien als korrespondierendes Mitglied an und seit 1875 als wirkliches Mitglied. Ebenso gehörte er den Akademien der Wissenschaften in Berlin (sei 1881), Göttingen, München (seit 1870), Bologna, Catania, Rom, Turin und Paris (1897) an. Tschermak war 1901 Mitbegründer und erster Präsident der Wiener Mineralogischen Gesellschaft, die ihn 1907 zum Ehrenmitglied und 1911 zum Ehrenpräsidenten ernannte. Er war zudem Mitglied der Mineralogischen Gesellschaften in Paris, London, Stockholm, St. Petersburg und der Geologischen Gesellschaften in Wien, London und Lüttich. Tschermak wurde 1873 das Offizierskreuz des brasilianischen Rosenordens, 1875 das Ritterkreuz des italienischen St. Mauritius- und Lazarusordens, 1877 der Hofratstitel sowie 1898 das Österreichische Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaften verliehen. 1906 wurde erhob ihn Kaiser Franz Joseph I. in den Adelsstand mit dem Prädikat „Edler von Seysenegg“.

Gustav Tschermak, aus dessen zweiter Ehe mit Hermine (geb. Fenzl) u.a. sein Sohn Erich Tschermak-Seysenegg entstammte, wurde in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Döblinger Friedhof bestattet.
1935 benannte die Stadt Wien die Gustav-Tschermak-Gasse in Wien-Döbling (19. Bezirk) und Wien-Währing (18. Bezirk) nach ihm. Seit 1965 verleiht die Österreichische Akademie der Wissenschaften den Gustav von Tschermak-Seysenegg-Preis. Das Amphibol-Mineral Tschermakit wurde nach ihm benannt.
Im Arkadenhof der Universität Wien erinnert seit 1936 eine Reliefplakette, gestaltet von Rudolf Marschall, gewidmet von der Familie Tschermak-Seysenegg, an ihn. Zudem trägt ein Praktikumsraum im UZA II den Namen „Tschermak-Saal“ (9., Althanstraße, 2. Obergeschoß, Raum Nr. 2C201).

Werke (Auswahl)

Grundriß der Mineralogie für Schulen, 1863.
Die Feldspatgruppe, 1864.
Die Porphyrgesteine Oesterreichs aus der mittleren geologischen Epoche, 1869.
Die Aufgaben der Mineralchemie, 1871.
Die Einheit der Entwickelung in der Natur (Vortrag), 1876.
Über den Vulkanismus als kosmische Erscheinung, 1877.
Lehrbuch der Mineralogie, 1884 (5. Auflage 1897, 9. Auflage 1923).
Die mikroskopische Beschaffenheit der Meteoriten, 1885. [Englisch: The Microscopic Properties of Meteorites, 1964.]

Siehe auch

> Österreichisches Biographisches Lexikon (abgerufen am 29.08.2025)
> Deutsche Biographie (abgerufen am 29.08.2025)
> Naturhistorisches Museum Wien (abgerufen am 29.08.2025)
> Wikipedia (abgerufen am 29.08.2025)
> Wikisource: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich (abgerufen am 29.08.2025)
> u:monuments: Denkmal Gustav Tschermak (abgerufen am 29.08.2025)

Autor*innen

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert

24.09.2026

Versionierter Zitationslink

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Literatur und gedruckte Quellen

Vera M. F. Hammer, Franz Pertlik, Das wissenschaftliche Erbe von Gustav Tschermak-Seysenegg (1836–1927): Eine Zusammenstellung biographischer Daten seiner Doktoranden. Mitteilungen der Österreichischen Mineralogischen Gesellschaft 155 (2009) (2009) 189–230.
Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien (Wien 2007).
Franz Pertlik, Ein Kompetenzstreit der Professoren Gustav Tschermak und Albrecht Schrauf: Die Beurteilung der Dissertation von Rudolf Scharizer an der Universität Wien. Joannea Mineralogie 4 (2007) (2007) 127-139, online unter https://www.zobodat.at/pdf/JoanneaMineralogie_4_0127-0139.pdf.
Bernhard Fritscher, Mineralogie und Kultur im Wien der Donaumonarchie – Zu Leben und Werk Gustav Tschermaks. Jahrbuch der Geologischen Bundesanstalt 144, Nr. 1 (2004) (2004) 67-75, online unter https://opac.geologie.ac.at/wwwopacx/wwwopac.ashx?command=getcontent&se….
Vera M. F. Hammer, 100 Jahre (Wiener) Österreichische Mineralogische Gesellschaft. Mitteilungen der Österreichischen Mineralogischen Gesellschaft 146 (2001) (2001).
Theresia Mayerhofer, Der Lehrkörper der Philosophischen Fakultät der Universität Wien von 1848 bis 1873 (Dissertation, Universität Wien) (Wien 1982).
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Österreichische Naturforscher und Techniker (Wien 1950).
Hermann A. L. Degener, Wer istʼs? Unsere Zeitgenossen (Berlin 1935).
Friedrich Johann Becke, Gustav Tschermak-Seysenegg zur Erinnerung. Gedenkrede, gehalten am 23. November 1927 im kleinen Festsaale der Universität Wien. Mineralogische und Petrographische Mitteilungen 39, Nr. 1/2 (1928) (1928) I-X.
Friedrich Johann Becke, Gustav Tschermak-Seysenegg. Almanach der Akademie der Wissenschaften 77 (1927) (1927) 187–195.
L. W. Evans, Prof. J. L. Gustav Tschermak. Nature 120 (1927) (1927) 195-196.
Gustav Tschermak, Universität Wien, Zwei Worte über die akademischen Studien. In: Die feierliche Inauguration des Rectors der Wiener Universität für das Studienjahr 1893/94 am 26. October 1893 (Wien 1893).
Ludwig Eisenberg, Das geistige Wien. Künstler- und Schriftsteller-Lexikon, 5 Jgg. (Jg. I und 2 gem. mit Richard Groner, Jg. 5 in 2 Bd.) (Wien).
Constantin Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, enthaltend die Lebensskizzen der denkwürdigen Personen, welche seit 1750 in den österreichischen Kronländern geboren wurden oder darin gelebt und gewirkt haben, 60 Tl (Wien).
Universität Wien, Die Feierliche Inauguration des Rektors der Wiener Universität für das Studienjahr … [1890–1967] an der Universität Wien (Wien).
Österreichisches biographisches Lexikon 1850–1950. (1951-heute) (Wien).
Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Neue Deutsche Biographie, Bd. 1 ff. (derzeit 21 Bde. A–Ro) (München and Berlin).