Renner, Karl
geb.
Untertannowitz [Dolní Dunajovice], Mähren, Tschechien
gest.
Wien, Österreich
geb.
Untertannowitz [Dolní Dunajovice], Mähren, Tschechien
gest.
Wien, Österreich
| Ehrung | Titel | Fakultät | Datierung | |
|---|---|---|---|---|
| Ehrendoktorat | Dr. rer. pol. h.c. | Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät | 1945/46 |
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Eigentlich sollte Karl Renner ein goldenes Doktordiplom zur 50. Wiederkehr seiner Promotion verliehen werden – dies beruhte jedoch auf einem Irrtum beim Promotionsjahr. Daraufhin beschloss die Universität Wien kurzfristig, ihm stattdessen für seine Verdienste um die zweimalige Errichtung der Republik (1918 und 1945) am 27. Oktober 1945 das erste Ehrendoktorat in der Zweiten Republik zu verleihen. |
Staatskanzler, Bundespräsident, Schriftsteller
Der 1870 in Mähren in armen Verhältnissen geborene Karl Renner studierte nach der Matura am Gymnasium in Nikolsburg [Mikulov] an der Universität Wien 1889–1994 Rechtswissenschaften und promovierte 1898 zum Dr. jur.
Er wurde zum führenden sozialdemokratischen Politiker und sozialistischen Theoretiker, arbeitete 1895–1918 in der Reichsratsbibliothek (ab 1909 als Direktor) und verfasste zahlreiche bedeutende politische Schriften.
Renner war 1907–1918 Mitglied des Abgeordnetenhauses und des niederösterreichischen Landtags. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Monarchie wurde er 1918 zum Ersten Staatskanzler der Republik (Deutsch-)Österreich gewählt und leitete 1919 die österreichische Delegation bei den Friedensverhandlungen in Saint-Germain. Er war 1919 auch Staatssekretär des Innern und 1919–1920 Staatssekretär des Äußeren.
Im Oktober 1920 schied Renner mit allen anderen Sozialdemokraten aus der Regierung aus, blieb aber noch bis 1923 Nationalratsabgeordneter.
Er war 1923–1926 Präsident der Arbeiterbank in Wien, 1926–1934 Präsident der Großeinkaufsgesellschaft der österreichischen Konsumvereine, Vorstandsmitglied der Sozialdemokratischen Parteileitung und 1931–1933 Nationalratspräsident.
Im Austrofaschismus wurde Karl Renner im Bürgerkrieg des Februar 1934 verhaftet und es wurde ein Hochverratsverfahren gegen ihn eröffnet. Nach mehreren Monaten Haft wurde er ohne Verurteilung und ohne Entschädigung wieder freigelassen und zog sich politisch zurück.
Während des Nationalsozialismus lebte er 1938–1945, obwohl prominenter Sozialdemokrat, weitgehend unbehelligt in Gloggnitz/NÖ, wo er sich rechtswissenschaftlichen, soziologischen und schriftstellerischen Arbeiten widmete.
Im April 1945 nahm er mit dem Kommando der heranrückenden Sowjetarmee Verhandlungen auf, die am 27. April 1945 zu einer provisorischen Staatsregierung unter Renner als Staatskanzler führten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung von der NS-Diktatur die Republik Österreich wiederbegründete und nach anfänglicher Skepsis von allen vier alliierten Besatzungsmächten anerkannt wurde. Dies gilt als hervorragende politische Leistung Renners.
Nach den ersten Nationalratswahlen der Zweiten Republik im November 1945 wurde Renner am 20. Dezember 1945 von der Bundesversammlung zum ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik gewählt, was er bis zu seinem Tode am 31. Dezember 1950 blieb.
Aus heutiger Sicht treten neben die unbestreitbaren politischen Leistungen Renners auch mehrere diskussionswürdige und umstrittene Aspekte seiner Biografie:
Die Historiker*innenkommission zur Aufarbeitung der Wiener Straßennamen stufte Karl Renner 2013/14 als „Fall mit Diskussionsbedarf“ ein, plädierte aber nicht für eine Umbenennung des entsprechenden Ringstraßenabschnitts vor dem Parlament. Auch die Salzburger Expert*innenkommission für Straßennamen kam 2021 zu der Beurteilung, dass in der Salzburger Dr.-Karl-Renner-Straße zwar eine Erläuterungstafel angebracht werden sollte, aber von einer Umbenennung abgesehen werden könne.
Über die Einordnung, ob diese Ehrung angesichts der Biografie allenfalls als „diskussionswürdig“ zu erachten wäre, bestand 2022/23 kein Konsens mit der verleihenden Fakultät und konnte vorerst mangels ausstehender primärquellenbasierter Forschungen noch keine endgültige Entscheidung getroffen werden. Die Klärung bleibt ein Forschungsdesiderat.
Archiv der Universität Wien, Rektorat GZ 126 ex 1945/46 (= S 226.1), GZ 15/I ex 1944/45
Herbert Posch
24.09.2026
https://geschichte-v2026.visuelles.xyz/de/node/28907/revisions/35444/view