Lesky (geb. Klingenstein), Erna

o. Univ.-Prof. DDr. med. et phil.

22.05.1911–17.11.1986

geb. Hartberg, Österreich
gest. Innsbruck, Österreich

Erna Lesky (1911–1986), Geschichte der Medizin
Ehrung Titel Fakultät Datierung
Tor der Erinnerung Lesky-Tor Geisteswissenschaftliche Fakultät 1998/99 (until 2023/24)

Erna Lesky wurde 1998 für ihre wissenschaftlichen Verdienste durch die Benennung eines der „Tore der Erinnerung“ am Campus der Universität Wien nach ihr und ihrem Mann Albin Lesky geehrt (Lesky-Tor, Durchgang von Hof 3 zu Hof 13, bei „Narrenturm“). Der Senat der Universität Wien beschloss im November 2023, die Ehrung im Zuge der Neugestaltung der „Tore der Erinnerung“ aufgrund der aktiven Involvierung des Ehepaares Lesky in den Nationalsozialismus nicht weiter fortzuführen.

Erna Lesky was honored for her academic achievements in 1998 by naming one of the "Gates of Remembrance" on the campus of the University of Vienna after her and her husband Albin Lesky (Lesky Gate, passageway from Courtyard 3 to Courtyard 13, near "Narrenturm"). In November 2023, the Senate of the University of Vienna decided to discontinue the honor as part of the redesign of the "Gates of Remembrance" due to the active involvement of the Lesky couple in National Socialism.

Die Ehrung wird 2022/23 aufgrund von Erna Leskys Involvierung in den Nationalsozialismus als „problematisch“ eingestuft. Lesky engagierte sich als junge Ärztin im Bund deutscher Mädel (BDM), war Mitglied der NSDAP (wie auch ihr Mann Albin Lesky) und 1940 bis 1945 ärztliche Leiterin eines „Mutter und Kind“‐Heims der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), war die Säuglings‐ und Kinderfürsorgebeauftragte für den Gau Tirol-Vorarl­berg, aktives Mitglied der „NS‐Frauenschaft“, des „Deutschen Frauenwerks“ und des „NSD‐Ärztebundes“.

Erna Lesky (1911–1986), Geschichte der Medizin
Erna Lesky (1911–1986), Geschichte der Medizin

Medizinhistorikerin, Ärztin, Bibliothekarin, Archivarin und Leiterin des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Wien

Ernestine Klingenstein, Tochter des Kaufmanns Paul und der Luise Klingenstein (geb. Fuchsbichler), wurde 1911 im oststeirischen Hartberg geboren, besuchte das Akademische Gymnasium in Graz, wo sie im Juni 1931 maturierte.

Beruflicher Werdegang als Ärztin

Danach studierte sie Medizin in Innsbruck und Wien, wo sie im Dezember 1936 zur Dr. med. univ. provomierte.
Sie war liiert mit ihrem ehemaligen Lateinprofessor, dem Klassischen Philologen Dr. Albin Lesky (1896–1981), der aber seit 1923 mit der Emblemforscherin Grete Strobl (1898-1982) verheiratet war. Sie wurden, trotz unterschiedlicher Arbeitsfelder, ein klassisches „working couple “ und Erna Klingensteins Ausbildungs‐ und Berufstätigkeit und Wohnorte waren mit den beruflichen Stationen ihres späteren Mannes eng gekoppelt. Er war Gymnasiallehrer in Graz (1920–1932), habilitierte sich 1924 an der Universität Graz für Klassische Philologe (tit. ao. Prof. 1930), 1932–1936 ao.Prof. an der Universität Wien (sie wechselte für ihr Medizinstudium ebenfalls nach Wien), 1936–1945/1946–1949 o. Prof. an der Universität Innsbruck (sie wechselte unmittelbar nach der Promotion als „Hilfsärztin“ an die Innsbrucker Universitätsklinik), er war dort 1937/38 Dekan der Philosophischen Fakultät und 1942–1945 Prorektor, und zuletzt 1949–1967 o. Prof. an der Universität Wien, hier 1958/59 Dekan der Philosophischen Fakultät, 1963/64 Rektor und war 1969/70 Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

NS‐Involvierung

Kurz nach dem „Anschluss“ im März 1938, sobald die NS‐Ehegesetze in Kraft traten und eine staatliche Ehe‐Scheidung möglich war, beantragte Albin Lesky die Scheidung von seiner Ehefrau, und noch während des Scheidungsverfahrens beantragten Erna Klingenstein und Albin Lesky im Dezember 1938 die Aufnahme in die NSDAP. Die beiden Parteianwärter*innen konnten 1939 heiraten und wurden am 1. November 1939 auch endgültig in die NSDAP aufgenommen (Erna Lesky: Mitgl.Nr. 7.252.714, Albin Lesky Mitgl.Nr. 7.252.762).

Erna Lesky wurde in ihrem Personalakt attestiert: „nationalsozialistisch eingestellt“ und sie konnte ihre Medizin‐Fachausbildung auch abschließen und erhielt die Approbation als Allgemeinmedizinerin, die angestrebte Zulassung als Kinderärztin gelang aber nicht. Sie engagierte sich als junge Ärztin im „Bund deutscher Mädel“ (BDM), war 1940 bis 1945 ärztliche Leiterin des „Mutter und Kind“‐Heims der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), stieg rasch zur Säuglings‐ und Kinderfürsorgebeauftragten für den Gau Tirol‐Vorarlberg auf, war aktives Mitglied der „NS‐Frauenschaft“, des „Deutschen Frauenwerks“ und des „NSD‐Ärztebundes“ sowie des „Reichsluftschutzbundes“ und arbeitete bis 27. April 1945 als NSV‐Ärztin. Mit Unterstützung der Reichsärztekammer versuchte sie kurz vor Ende des NS‐Regimes 1944 noch einmal, als Kinderfachärztin anerkannt zu werden, was an einer Aufnahmesperre vorläufig scheiterte, nach 1945 wurde der Antrag klar abgelehnt, weil ihr die dreijährige Fachausbildung an einer Kinderklinik fehlte. Trotzdem ließ sie es später so aussehen, als habe sie in Tirol als Kinderärztin gearbeitet.

Die alliierte Besatzung lehnte ab 1945 mehrfach die Versuche von Albin und Erna Lesky ab, ihre verpflichtende Registrieriung als Nationalsozialist*in und die damit verbundenen Rechtsfolgen streichen zu lassen. Zwar konnte Erna 1945 bis 1949 als ärztliche Leiterin am Kinderheim der Barmherzigen Schwestern in Zams, Innsbruck (Margarethinum) arbeiten, aber erst am 30. September 1947 schaffte sie es, als „minderbelastet“ eingestuft zu werden und erhielt auch ihre Zulassung als praktische Ärztin wieder. In dieser Zeit orientierte sie sich um von der praktischen Medizinerin zur Medizingeschichte und wechselte mit Albin Leskys Berufung an die Universität Wien 1949 mit ihm nach Wien.

Der Wechsel von Innsbruck nach Wien half auch, die NS‐Vergangenheit ignorieren und verschweigen zu können, bei gleichzeitiger Nutzung der Netzwerke der „Ehemaligen“. Ihre medizinhistorischen Arbeiten wechselten äußerlich rasch, problemlos und erfolgreich von der NS‐Tradition germanischer Heldengeschichte und deutschen Geniekults zur österreichischen Weltmedizin der Wiener Schule – zur Stärkung eines österreichischen Nationalbewusstseins unter Beibehaltung mancher Denkstile.

Beruflicher Werdegang als Medizinhistorikerin

In Wien widmete sie sich künftig ganz der Medizingeschichte. Sie absolvierte ab 1952 ein Geschichtestudium in Wien und promoviert 1956 zur „Dr. phil.“ (Dissertation: „Staat und Heilkunde im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus“). Sie habilitierte sich 1957, am selben Tag und im selben Fach wie Marlene Jantsch (1917–1994) – doch bald setzte sich die ehemalige NSV‐Ärztin mit ihren Netzwerken gegen die in der NS‐Zeit als „jüdischer Mischling“ verfolgte Konkurrentin durch und wurde 1960 mit der provisorischen Leitung des Instituts für Geschichte der Medizin in Wien betraut. Sie begann sofort mit den Vorbereitungen für die bauliche Sanierung des Josephinums. 1962 wurde sie ao. Professorin und Vorständin des Instituts für Geschichte der Medizin im Josephinum und 1966 ordentliche Professorin für Geschichte der Medizin (die erste Frau als Ordinaria an der Medizinischen Fakultät). 1965 erschien auch ihr Hauptwerk „Die Wiener Medizinische Schule im 19. Jahrhundert“, rechtzeitig zum 600-Jahr-Jubiläum der Universität. In ihrer Zeit am Josephinum baute sie das Institut für Geschichte der Medizin (Bibliothek, Archiv, Sammlungen, Museum) in ein gut funktionierendes Dokumentations‐, Informations‐ und Forschungszentrum für Medizingeschichte aus, vergrößerte es, katalogisierte und erschloss mit ihren Mitarbeiter*innen die Bibliotheks‐ und Sammlungsbestände, renovierte die historische Bausubstanz und gestaltete die historischen Sammlungen zu einer attraktiven wissenschaftlichen Museumssammlung um, mitfinanziert durch die Carnegie Mellon Foundation in den USA und dem Wellcome Trust in London.
Lesky publizierte umfangreich zur Medizingeschichte, von der antiken Medizin bis zur Wiener Medizinische Schule, gab von 1966 bis 1973 die Zeitschrift „Clio Medica“ heraus und vernetzte sich international hervorragend.
Die geänderten Rahmenbedingungen der Universität ab Mitte der 1970er Jahre – Demokratisierung der Universität (UOG 1975) – lehnte sie allerdings rigoros ab und auch ihre persönlichen Rahmenbedingungen veränderten sich nach zwei Herzinfarkten ihres Ehemanns, ihrer zunehmenden Schwerhörigkeit und der Wohnsitzverlegung nach Innsbruck. Mit der Entscheidung der Medizinischen Fakultät, Helmut Wyklicky als ihren Nachfolger zu berufen, war sie nicht einverstanden. Der Publikation einer Festschrift zu ihrem 70. Geburtstag stimmte sie erst zu, nachdem sie den Erstherausgeber bestimmt hatte. 1979 emeritierte sie.

Ehrungen

Erna Lesky erhielt zahlreiche Ehrungen, u.a. die Jubiläumsmedaille der Universität Innsbruck (1969), Esculape D’or (1970), die Karl-Sudhoff-Plakette (1976) und die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik e.V. (1981), die Johann-Peter-Frank-Medaille für besondere Verdienste im öffentlichen Gesundheitsdienst (1977), die Billrothmedaille der Gesellschaft der Ärzte in Wien (1983) und die Cothenius-Medaille der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (1983). Sie war Mitglied und Ehrenmitglied zahlreicher europäischer und internationaler medizinhistorischer Gesellschaften, u.a. auch der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (seit 1965 korrespondierendes Mitglied, 1973 Ehrenmitglied), der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle (Mitglied seit 1965, Senatorin 1970) und der Internationalen Akademie für Geschichte der Medizin (Mitglied seit 1963, Generalsekretärin 1971-1973). Sie erhielt das Ehrendoktorat der Universität Zürich (1978) und den Universitätspreis der Wiener Wirtschaft (1979).
Anfang April 1986 beantragte die Studierendenvertretung der Medizinischen Fakultät (ÖH) der Universität Wien, sie anlässlich Ihres 75. Geburtstags zum Ehrensenator zu ernennen, die Ehrenzeichenkommission des Senats forderte aber anstelle des studentischen Antrags eine Antragstellung des gesamten medizinischen Fakultätskollegium ein, was Anfang Juni einstimmig erfolgte. Daraufhin wurde der Antrag nach der Sommerpause vom Senat am 23. Oktober einstimmig angenommen, was ihr von Rektor Wilhelm Holczabek am 28. Oktober 1986 noch mitgeteilt wurde – die erforderliche Zustimmung und damit Annahme der Ehrung erfolgte krankheitshalber aber nicht mehr – Erna Lesky verstarb am 17. November 1986 in Innsbruck.

Die 1994 erfolgte Benennung einer Gasse im 22. Wiener Gemeindebezirk nach Albin und Erna Lesky (Leskygasse) wurde bei der Überprüfung der Wiener Straßennamen 2013 als „Fall mit demokratiepolitisch relevanten biographischen Lücken“ eingestuft.

1998 wurde bei der Eröffnung des Universitätscampus der Universität Wien ein „Tor der Erinnerung“ nach den beiden benannt (Durchgang vom Hof 3 zum Hof 13 mit dem „Narrenturm“). Diese problematische Widmung stand schon seit Jahren zur Diskussion und im Zuge der Neugestaltung der Tore der Erinnerung 2023/24 beschloss der Senat der Universität Wien im November 2023, diese Benennung nicht weiter fortzuführen.

Am 8. März 2022 wurde ihr von der Akademie der Wissenschaften ein Denkmal (Glasstele) in der Aula der Akademie errichtet, obwohl im Jahr davor an der Akademie ihre NS-Vergangenheit gründlich aufgearbeitet und publiziert worden war. Im Online‐Begleittext werden zwar die Stufen ihrer Ausbildung an den Universitäten Wien und Innsbruck dargelegt, doch eine kritische Reflexion ihrer Karriere im Netzwerk wissenschaftspolitischer Beziehungen fehlt noch. Ihre NSDAP-Mitgliedschaft bleibt auf der zugehörigen Website unerwähnt, vielmehr wird faktenwidrig angeführt: „1938: Nichtzuerkennung einer Assistenzstelle mangels nationalsozialistischer Qualifikation“ und ihr Opfermythos weitertradiert.

Werke (Auswahl):

  • Die Zeugungs- und Vererbungslehren der Antike und ihr Nachwirken, Mainz 1950.
  • Arbeitsmedizin im 18. Jh. Werksarzt und Arbeiter im Quecksilberbergwerk Idria. Wien 1956.
  • Österreichisches Gesundheitswesen im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus. Wien 1959
  • Johann Peter Franks akademische Rede vom Volkselend als der Mutter der Krankheiten. Leipzig 1960.
  • Carl von. Rokitansky. Selbstbiographie und Antrittsrede. Wien 1960.
  • Von den Ursprüngen des therapeutischen Nihilismus. 1961.
  • Die Wiener geburtshilflich-gynäkologische Schule. Geist und Leistung, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift 87 (1962), 2096-2102.
  • Die Wiener ophthalmologische Schule, in: Wiener klinische Wochenschrift 74 (192), 529-532.
  • Ignaz Philipp Semmelweis und die Wiener Medizinische Schule. Graz/Wien/Köln, 1964.
  • Die Wiener Medizinische Schule im 19. Jahrhundert. Studien zur Geschichte der Universität Wien Bd. 6, Graz/Köln, 1965
  • Johann Peter Frank. Seine Selbstbiographie, Bern/Stuttgart 1969.
  • Gerard van Swieten. Erfüllung und Auftrag, in: Erna Lesky u. Adam Wandruschka (Hg.), Gerard van Swieten und seine Zeit (=Studien zur Geschichte der Universität Wien Bd. 8), Wien/Köln/Graz 1973, 11-62.

Archiv der Universität Wien MED S 45, Med. PA 855, Rektorat GZ 71/2 ex 1985/86 (= S 229.15.02), 131.15 Teilnachlass Erna Lesky, 106.I.594 Fotoarchiv, 107.265-107.288
Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, PA Erna Lesky
Österreichsches Staatsarchiv OeStA/AdR/BMU 236–2/57, OeStA/AVA/Habilitationsakt. OeStA/AdR/UWFuK/BMU/PA Sign 20 Lesky Erna, OeStA/AVA AVS BPD 1.040.032, OeStA/HHStA SB Nl Leo Santifaller 13-178.

Autor*innen

Felicitas Seebacher, Herbert Posch

Zuletzt aktualisiert

24.09.2026

Versionierter Zitationslink

https://geschichte-v2026.visuelles.xyz/de/node/28682/revisions/35035/view

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Literatur und gedruckte Quellen

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Felicitas Seebacher, Die Leskys. Akademische Karrieren in Netzwerken politischer Systeme des 20. Jahrhunderts. Studien zur Geschichte und Philosophie der Wissenschaften. Bd. 1 (Wien 2024).
Johannes Feichtinger, Brigitte Mazohl, Die Österreichische Akademie der Wissenschaften 1847–2022. Eine neue Akademiegeschichte. Denkschriften der Gesamtakademie. Bd. 88 (Wien 2022), online unter https://verlag.oeaw.ac.at/api/download/e-product/9783700190516_gesamt.p….
Felicitas Seebacher, „Mit dem Geist redlichen Dienens“. Die akademische Karriere der NSV-Ärztin und Medizinhistorikerin Erna Lesky. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 69 (2021) (2021) 1038-1057.
Felicitas Seebacher, Erna Lesky, „Herrin” der Sammlungen des Josephinum. Wissensrepräsentation und Wissensproduktion im Zentrum der Geschichte der „Wiener Medizin”. In: Tauschen und Schenken. Wissenschaftliche Sammlungen als Resultat europäischer Zusammenarbeit, herausgegeben von Johannes Seidl, Ingrid Kästner, 107-130 (Düren 2020).
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