Martin Hell, Prof., Dipl.-Ing., Dr. phil. h.c.
geb. 06.04.1885,
Liefering bei Salzburg,
Österreich
gest. 29.01.1975,
Salzburg,
Österreich
geb. 06.04.1885,
Liefering bei Salzburg,
Österreich
gest. 29.01.1975,
Salzburg,
Österreich
| Ehrung | ||
|---|---|---|
| Ehrendoktorat | 1955/56 |
Martin Hell wurde 1885 als Sohn des Volksschuldirektors Martin Johann Hell (1842–1922) und dessen Ehefrau Maria, geborene Schiesslberger, in Liefering (heute Stadtteil von Salzburg) geboren. Er legte die Reifeprüfung 1903 an der k.k. Staatsrealschule Salzburg ab. Anschließend studierte er an der Technischen Hochschule in Wien Bauingenieurwesen. Parallel widmete er sich bereits während seines Studiums archäologischen Untersuchungen. Nach dem Studienabschluss 1911 begann er seine Tätigkeit im Landesbauamt in Salzburg – er blieb bis 1945 im Dienst der Salzburger Landesregierung. Ab 1926 war er als Amtstechniker der Bezirkshauptmannschaften Salzburg und Hallein vor allem für die Bereiche Straßen- und Wasserbau zuständig. Wenig später stieg er zum Oberbaurat auf.
Neben seiner beruflichen Tätigkeit beschäftigte sich Hell bis zu seinem Tod intensiv mit prähistorischer Archäologie. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Karoline (Lina), geborene Hamberger, führte er in diversen Gebieten des Bundeslandes Salzburg Grabungen, geologische Untersuchungen und Sammlungen von paläontologischen Fundstücken durch, veröffentlichte Forschungsergebnisse zur Ur- und Frühgeschichte Salzburgs in wissenschaftlichen Zeitschriften und hielt zahlreiche Vorträge und Führungen für ein breites Publikum. Hell war auch in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen aktiv, u.a. 1911 als Mitbegründer und 1914–1919 als Obmann der Sektion Salzburg des Vereins für Höhlenkunde in Österreich, ab 1913 als Korrespondent und ab 1917 als Konservator der k.k. Zentralkommission für Kunst- und Denkmalpflege (Vorläufer des Bundesdenkmalamtes) sowie ab 1915 als Mandatar des Salzburger Museum Carolino-Augusteum (SMCA), wo er 1919–1924 ehrenamtlich die Mineralogisch-paläontologische Abteilung leitete.
Ab dem Wintersemester 1919/20 bis 1923 studierte Martin Hell als außerordentlicher Hörer an der Universität Wien und besuchte Lehrveranstaltungen aus Ur- und Frühgeschichte (Oswald Menghin, Georg Kyrle), Kunstgeschichte (Max Dvořák), Archäologie, Geologie und Paläontologie. Sein Aufsatz „Neue Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte des Dürrnbergs“ wurde 1931 als Dissertation approbiert, jedoch trat er nicht zu den Rigorosen (Abschlussprüfungen) an und erlangte somit nicht den Grad eines Doktors der Philosophie.
Während der Ersten Republik wurde Hell Mitglied des Antisemitenbundes sowie 1930 Mitglied des Reichsbundes christlicher Angestellter in öffentlichen Diensten. 1933 trat er der austrofaschistischen Einheitspartei Vaterländische Front bei.
Nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland suchte Hell im August 1938 um Aufnahme in die NSDAP an. Bis 1943 – als sein Gesuch schließlich abgelehnt wurde – war er offiziell Parteianwärter. Er behielt seine Position als Techniker im Landesdienst Salzburg – nun offiziell in der „Reichsbauverwaltung“, ab 1941 als Beamter auf Lebenszeit. In dieser Funktion war er für die Erstellung geologischer Gutachten für Brücken, Straßen, Bahnstrecken, Wasserleitungen, Kraftwerke, Luftschutzstollen usw. zuständig. Ihm oblag auch die archäologische Begleitung etwaiger vor- und frühgeschichtlicher Funde bei Grabungsarbeiten im Zuge der Errichtung der Reichsautobahnen, von Luftschutz- und Splittergräben sowie ab 1944 die Untersuchung von Bombentrichtern.
Um seine Position im Feld der Archäologie und Prähistorie zu stärken, diente Hell sich dem NS-Regime aktiv an, wie Peter Danner 2018 umfassend herausgearbeitet hat: Er suchte bereits 1938 Kontakt zur SS-Organisation „Das Ahnenerbe“, die Forschungen zur germanischen Kultur zu Propagandazwecken fördern sollte, insbesondere zu dem Prähistoriker Kurt Willvonseder, der ebendort als „Beauftragter und Vertrauensmann für die gesamten Fragen der Ur- und Frühgeschichte der Ostmark“ zuständig war. Ab 1939 leitete Hell außerdem die „Arbeitsgemeinschaft für Vor- und Frühgeschichte“ im Gauschulungsamt der NSDAP, dessen Schulungstätigkeit sich an die breite Bevölkerung richtete. Hier hielt Hell mehrere Vorträge und publizierte in dessen Schulungsblättern. 1939 wurde er auch in den Beirat der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde berufen.
Martin Hell wurde 1941 zum „nebenamtlichen Gaupfleger der Bodenaltertümer im Reichsgau Salzburg“ ernannt. Doch erst mit der Ernennung zum „Beauftragten für Vor- und Frühgeschichte (Bodendenkmalpflege) im Reichsgau Salzburg“ 1942 erreichte er eine teilweise Freistellung von seinem Hauptberuf in der Reichsbauverwaltung zugunsten seiner archäologischen Tätigkeit.
Während der NS-Zeit arbeitete Martin Hell auch an mehreren Ausstellungsprojekten mit und publizierte zahlreiche Beiträge in Zeitungen und wissenschaftlichen Zeitschriften. Wie Danner darlegt, ist besonders in seinen Zeitungsartikeln und Beiträgen in NSDAP-Publikationen eine politische Instrumentalisierung ablesbar. Hell baute zentrale Begriffe der nationalsozialistischen Ideologie wie „Rasse“, „Volk“ oder „Blut und Boden“ gezielt in seine Publikationen ein, betonte die Bedeutung der Ur- und Frühgeschichte für die NS-Weltanschauung und bezeichnete den „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland als „Heimkehr in arteigenes [sic] Volksbereich, nicht nur das Ziel einer Sehnsucht von Jahrhunderten, sondern die Erfüllung eines Wunschtraumes, der aufstieg aus der Ferne von Jahrtausenden.“ (zit. nach Danner, S. 187f.). In mehreren Zeitungsartikeln hob er die Bedeutung eines am Hellbrunner Berg aufgefundenen Tonstempels mit Hakenkreuz-Motiv aus der Hallstattzeit hervor.
Im Zuge der Entnazifizierung wurde Martin Hell am 21. September 1945 aufgrund seiner Tätigkeit für die NSDAP aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Ab Februar 1946 erhielt er jedoch bis zu seiner Pensionierung im November 1947 Bezugsvorschüsse. Hell versuchte, seine Wiedereinstellung zu erreichen, und gab an, die politischen Ziele des Nationalsozialismus stets abgelehnt zu haben. Seine „scheinbare“ politischen Andienung an das NS-Regimes rechtfertigte er als Notwendigkeit, um weiterhin forschen und publizieren zu können:
„… ich war lediglich bemüht, der Forschung und Wissenschaft auch in dieser Zeit dienen zu können. […] Ich habe auf diese Weise vielerlei überpolitische, kulturelle Arbeiten leisten können […] Ich glaube, dass ich als scheinbarer Mitgänger mehr habe nützen können, als wenn ich untätig ganz abseits gestanden hätte.“ (zit. n. Danner, S. 189)
Martin Hell konnte nach 1945 zunächst keine offizielle Position mehr erlangen, blieb jedoch gemeinsam mit seiner Frau weiterhin aktiv. 1948 erfolgte schließlich seine Ernennung zum „ehrenamtlichen Konservator des Bundesdenkmalamtes für Höhlenkunde im Lande Salzburg und für das Fundwesen in den Bezirken Salzburg-Land, Hallein, St. Johann im Pongau und Zell am See“, 1949 jene zum „ehrenamtlichen Landespfleger für die Bodenaltertümer des Landes Salzburg“.
Bis zu seinem Tod verfasste Martin Hell fast 500 wissenschaftliche Veröffentlichungen, entdeckte rund 100 prähistorische Siedlungen sowie 40 frühgeschichtliche Gräberfelder und barg eine Fülle archäologischer Funde, wodurch er wichtige Grundlagen für die systematische Erforschung der Siedlungsgeschichte Salzburgs, aber auch für Geologie- und Höhlenkunde sowie Volks- und Heimatkunde lieferte. Neben seinen wissenschaftlichen Publikationen legte er auch großen Wert auf die Vermittlung der Erkenntnisse an eine breite Öffentlichkeit – durch Führungen, Vorträge und Zeitungsbeiträge. Ab 1948 war er an der Salzburger Volkshochschule tätig und gründete später eine neue „Arbeitsgemeinschaft für Vor- und Frühgeschichte“, die die Bevölkerung über Vor- und Frühgeschichte informieren sollte.
Martin Hell starb am 29. Jänner 1975 im Alter von 89 Jahren in Salzburg und wurde auf dem Friedhof von St. Peter in Salzburg bestattet.
Martin Hells Verdienste um die Salzburger Vorgeschichtsforschung wurden vielfach geehrt. Er war ab 1928 korrespondierendes und ab 1941 ordentliches Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts sowie korrespondierendes Mitglied der Wiener Prähistorischen Gesellschaft (1934) und der Wiener Archäologischen Gesellschaft (1935). 1933 erhielt er das Silberne Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik Österreich.
Auch in der NS-Zeit erhielt Hell Anerkennung: 1942 wurde ihm als ersten Preisträger der Matthäus- und Rudolf-Much-Preis der Akademie der Wissenschaften in Wien sowie 1943 das Silberne Treudienst-Ehrenzeichen für seine 25-jährige Tätigkeit im öffentlichen Dienst verliehen. 1943 wurde er zum Ehrenmitglied der Universität Innsbruck und im Folgejahr zum Ehrenbeamten des „Zweckverbandes Salzburger Museum“ ernannt.
Erst einige Jahre nach seiner Entlassung 1945 erhielt er wieder Ehrungen für seine Verdienste: 1949 wurde er zum wirklichen Mitglied des Österreichischen Archäologischen Instituts ernannt. Als neuberufener Ordinarius für Urgeschichte an der Universität Wien beantragte Richard Pittioni 1952, Hell das Ehrendoktorat zu verleihen, was die Fakultätskommission jedoch zunächst aufgrund von Zweifeln an der Bedeutung von Hells Lebenswerk ablehnte. Nachdem Hell 1953 sowohl das Ehrendoktorat der Universität München als auch den Ehrentitel „Professor“ durch den Bundespräsidenten erhalten hatte, stellte Pittioni seinen Antrag am 3. Juni 1955 erneut:
„Dem Unterzeichneten ist kein Vertreter der Urgeschichte innerhalb des deutschen Sprachraumes bekannt, der über die gleiche imponierende Leistung verfügen würde, wie M. Hell […]. Speziell die Siedlungsforschungen Hells und alle damit verbundenen Aspekte stellen vielleicht die grundlegendsten Erweiterungen unseres Wissens dar […]. Es ist eben wirklich so, daß M. Hell durch mehr als 50 Jahre hindurch Pionierarbeit für die österreichische Forschung geleistet hat, eine Tatsache, die aller Anerkennung wert ist.“
(Richard Pittioni an Dekan Karl Maria Swoboda, 3.6.1955, in: Archiv der Universität Wien, Senat S 227.1)
Wenige Tage später unterstrich Pittioni nochmals in der Kommissionssitzung:
„M. Hells wissenschaftliche Tätigkeit wird dadurch gekennzeichnet, daß er grundsätzlich nur selbst gesichertes Quellengut verarbeitet, daß er alle Geländearbeiten mit eigener Hand durchführt und daß er im Laufe seiner nun fast fünfzigjährigen Arbeitszeit das große Glück hatte, alle Perioden der heimischen Ur- und Frühgeschichte nachzuweisen. […], Hells wissenschaftliche Tätigkeit ist die eines bahnbrechenden Pioniers.“
(Pittioni: Bericht Kommissionssitzung, 6.6.1955, in: Archiv der Universität Wien, Senat S 227.1)
Die Kommission bestehend aus den Professoren Artur Betz, Robert Heine-Geldern, Wilhelm Koppers, Richard Pittioni und Josef Weninger nahm den Vorschlag einstimmig an. Am 25. Juni 1955 stimmten im Professorenkollegium der Philosophischen Fakultät 50 Professoren für Ja und 4 für Nein. Am 30. Juni 1955 erfolgte die Zustimmung durch den Senat, am 18. Juli 1955 die Genehmigung durch Unterrichtsminister Heinrich Drimmel. Die für 25. Oktober 1955 im Senatssaal der Universität Wien geplante Ehrenpromotionsfeier musste jedoch kurzfristig aufgrund einer „Krankheit (Kreislaufstörungen)“ Hells abgesagt werden. Die Überreichung der Urkunde sollte nun in Hells Wohnung in Salzburg erfolgen, letztendlich bot jedoch ein Empfang des Salzburger Landeshauptmanns anlässlich der Verleihung des Ehrendoktorats am 23. November 1955 einen feierlichen Rahmen für die Überreichung durch Promotor Pittioni und Prorektor Johann Radon. Im Zuge der Einführung von Talaren für Inhaber akademischer Ehrentitel ließ die Universität Wien 1966 einen maßgeschneiderten Talar für Hell anfertigen.
Martin Hell wurde 1956 der Paracelsusring der Stadt Salzburg, 1965 der Ehrentitel Hofrat durch den Bundeskanzler und die Medaille bene merenti in Silber durch die Bayerische Akademie der Wissenschaften verliehen. Nach seinem Tod 1975 wurde in Hallein die Prof.-Martin-Hell-Straße nach ihm benannt.
> Wikipedia (abgerufen am 12.6.2025)
> Die Geehrten der Universität Innsbruck von 1938 bis 1945: Martin Hell (abgerufen am 12.6.2025)
> SalzburgWiki (abgerufen am 12.6.2025)
Archiv der Universität Wien, Philosophische Fakultät, Nationale Wintersemester 1919/20, S. 25, Nationale Sommersemester 1920, S.273, Nationale Wintersemester 1920/21, S. 603.
Archiv der Universität Wien, Akademischer Senat S 227.1 (Verleihung des Ehrendoktorats).
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