Reinisch, Simon Leo

o. Univ.-Prof. Dr. phil.

26.10.1832–24.12.1919

geb. Osterwitz, Steiermark, Österreich
gest. Lankowitz, Steiermark, Österreich

Leo Simon Reinisch (1832–1919) mit der Rektorskette der Universität Wien
Ehrung Titel Fakultät Datierung
Ehrentafel-Fakultät Philosophische Fakultät 1950

Rektor Richard Meister regte im Oktober 1949 an, wieder Namen von berühmten Mitgliedern des Lehrkörpers in die Ehrentafeln der Fakultäten im Hauptgebäude der Universität Wien einzutragen. Zu diesem Zweck ersuchte er die Dekane, diese Frage in einer Fakultätssitzung zu besprechen und dem Senat Vorschläge zu unterbreiten.

Der Dekan der Philosophischen Fakultät Hans Leitmeier schlug am 25. Februar 1950 entsprechend eines Beschlusses des Professorenkollegiums vor, Ludwig Boltzmann, Julius Hann, Richard Heinzel, Josef Loschmidt, Ernst Mach, Franz Miklosich, Leo Reinisch, Theodor Sickel, Josef Stefan und Eduard Suess für die Eintragung auf der Ehrentafel vorzuschlagen.

Die Vorschläge der Dekanate wurden in der Sitzung des Akademischen Senats vom 4. März 1950 vorgelegt und einstimmig angenommen. Am 25. März 1950 wurde der Auftrag zur Eingravierung und Vergoldung von 21 Namen auf die vier Ehrentafeln der Fakultäten erteilt und im Mai 1950 umgesetzt.

Funktion Zeitraum Fakultät
Dekan*in 1890/91 Philosophische Fakultät
Senator 1893/94 Philosophische Fakultät
Senator 1894/95 Philosophische Fakultät
Rektor 1896/97 Philosophische Fakultät
Leo Simon Reinisch (1832–1919) mit der Rektorskette der Universität Wien
Leo Simon Reinisch (1832–1919) mit der Rektorskette der Universität Wien
Leo Simon Reinisch (1832–1919), Ägyptologie
Leo Simon Reinisch (1832–1919), Ägyptologie
Promotion von Gabriele Possanner, 2. April 1897. Die Nostrifikation ihres Schweizer Doktorats war die erste Promotion einer…
Promotion von Gabriele Possanner, 2. April 1897. Die Nostrifikation ihres Schweizer Doktorats war die erste Promotion einer Frau an der Universität Wien.
Ehrentafel der Philosophischen Fakultät, Aula der Universität Wien
Ehrentafel der Philosophischen Fakultät, Aula der Universität Wien

Der Bauernsohn (Simon) Leo Reinisch absolvierte die Matura am kirchlichen Gymnasium in Graz, wo der spätere Dichter Robert Hamerling zu seinen Lehrern zählte. 1854 nahm Reinisch sein Studium der Geschichte (u. a. bei Joseph Aschbach) sowie Klassische Philologien und Orientalischen Sprachen (Sanskrit, Hebräisch, Arabisch und Koptisch) an der Universität Wien auf. Ab 1857 arbeitete er daneben als Hilfskraft an der Universitätsbibliothek. 1859 promovierte er mit der Dissertation „Über den Namen Ägyptens bei den Semiten und Griechen“ an der Universität Tübingen zum Doktor der Philosophie. Bereits zwei Jahre später wurde er für an der Universität Wien für „Geschichte des Orients im Altertum mit Einschluß Ägyptens“ habilitiert.

Im Auftrag von Erzherzog Maximilian, dem späteren Kaiser von Mexiko, übernahm Leo Reinisch 1864 die Betreuung und wissenschaftliche Erfassung der ägyptischen Sammlung auf Schloss Miramare in Triest. Den Katalog der Sammlung gab er 1865 ergänzt durch sprach-, schrift- und religionswissenschaftliche Abhandlungen heraus („Die aegyptischen Denkmaeler von Miramar“). Mit Unterstützung des Erzherzogs unternahm er 1865/66 eine Forschungsreise nach Ägypten, wo er gemeinsam mit Emil Robert Roesler die dreisprachige (hieroglyphisch, demotisch und griechisch) Inschrift von Tanis entdeckte.
Mit dem Auftrag, im Archäologischen Museum in Mexiko eine ägyptische Abteilung aufzubauen, folgte Leo Reinisch 1866 Kaiser Maximilian nach Mexiko. Er übernahm die Leitung des Archäologischen Museums sowie des Staatsarchivs und widmete sich daneben intensiv der Sammlung sprachkundlicher Materialien und der Erforschung indianischer Sprachen. Obwohl Reinisch nach dem Sturz und der Hinrichtung Maximilians bereits im August 1867 wieder nach Österreich zurückkehrte, gelangen ihm in diesem kurzen Zeitraum bedeutende sprachwissenschaftliche Forschungen zur Mexikanistik.

1868 wurde Reinisch an der Universität Wien zum außerordentlichen Professor ernannt, 1873 erfolgte seine Berufung auf eine ordentliche Professur für Ägyptische Altertumskunde (ab 1876 „Ägyptische Sprach- und Altertumskunde“) – der erste Lehrstuhl für Ägyptologie in Österreich.

In seinen Forschungen widmete sich Reinisch auch kulturhistorischen Themen, wurde jedoch besonders für seine linguistischen und umfassenden sprachvergleichenden und -historischen Studien bekannt, darunter sein zentrales Werk „Der einheitliche Ursprung der Sprachen der alten Welt“ (1873), in dem er die These einer gemeinsamen Ursprache der Ägyptischen und Afrikanischen Sprachen vertrat. In den Folgejahren widmete sich Reinisch der intensiven Erforschung der Sprachen Nordafrikas (Forschungsreisen 1875 und 1879), vor allem der kuschitischen Sprachfamilie. Er veröffentlichte Textsammlungen, Grammatiken und Wörterbücher zu etwa 20 verschiedenen Sprachen und Dialekten und gilt daher auch als wichtiger Pionier der Afrikanistik. Reinisch betätigte sich zudem als Mitherausgeber der „Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes“.

An der Universität Wien fungierte Leo Reinisch im Studienjahr 1890/91 als Dekan der Philosophischen Fakultät, 1893/94 und 1894/95 als Senator und 1896/97 als Rektor. Während seiner Amtszeit als Rektor wurde Gabriele Possanner am 2. April 1897 – als erste Frau an einer Universität der österreichisch-ungarischen Monarchie – zum Doktor der gesamten Heilkunde an der Universität Wien promoviert. Im selben Jahr wurden Frauen als ordentliche Hörerinnen an der Philosophischen Fakultät zugelassen, was Reinisch, ein Förderer des Frauenstudiums, begrüßte.

Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde Reinisch vielfach ausgezeichnet: So wurde er 1879 zum korrespondierenden, 1884 zum wirklichen Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien gewählt. Ab 1897 wirkte er hier in den Sprachkommissionen für Afrikanisch, Südarabisch sowie Ägyptisch und Nordarabisch mit. Neben der Mitgliedschaft in verschiedenen internationalen Gelehrtengesellschaften war er Träger zahlreicher Orden, darunter das k. u. k. Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft (1898). 1899 wurde er zum Hofrat ernannt. Zu seinem 70. Geburtstag 1902 überreichte ihm die Akademie eine zu seinen Ehren gestiftete und von Anton Scharff gestaltete Ehrenmedaille in Gold und Bronze, 1909 ernannte ihn die Universität Tübingen zum Ehrendoktor.
Sein Name wurde 1950 in die Ehrentafel der Philosophischen Fakultät der Universität Wien eingetragen.

16 Jahre nach seinem Tod wurde 1935 die Reinischgasse in Wien-Döbling (19. Bezirk) nach ihm benannt – nach dem „Anschluss“ 1938 in Langbehngasse umbenannt, erfolgte 1947 die Rückbenennung nach dem Pionier der Ägyptologie und Afrikanistik in Österreich.
Anlässlich seines 150. Geburtstages fand 1982 in Wien das internationale Leo Simon Reinisch-Symposium statt. An seinem Geburtshaus in Osterwitz/Steiermark wurde im Zuge dessen eine Gedenktafel enthüllt.

Werke (Auswahl)

gemeinsam mit E. Robert Roesler: Die ägyptischen Denkmäler in Miramar, 1865.
gemeinsam mit E. Robert Roesler: Die zweisprachige Inschrift von Tanis, 1866.
Der einheitliche Ursprung der Sprachen in der Alten Welt, 1873.
Ägyptische Chrestomathie, 2 Bände, 1873/75.
Die Barea-Sprache, 1874.
Die Sprachen von Nordost-Afrika, 3 Bände, 1874–1879.
Die Sprache der Irob-Saho in Abessinien, 1878.
Die Nuba-Sprache, 2 Bände, 1879.
Die Afar-Sprache, 3 Bände, 1886–1887.
Die Bilin-Sprache, 2 Bände, 1887.
Die Kafa-Sprache in Nordost-Afrika, 2 Bände, 1888.
​Das Zahlwort vier und neun in den Chamitisch-Semitischen Sprachen, 1890.
Die Saho-Sprache, 2 Bände, 1890.
Die Bedauye-Sprache in Nordost-Afrika, 3 Bände, 1893–1895..
Die Somali-Sprache, 2 Bände, 1900/02.
Das persönliche Fürwort und die Verbalflexion in den Chamito-Semitischen Sprachen, 1909.
​Die sprachliche Stellung des Nuba, 1911.

Siehe auch

> Österreichisches Biographisches Lexikon (abgerufen am 29.08.2025)
> Institut für Äpytologie, Universität Wien (abgerufen am 29.08.2025)
​> Deutsche Biographie (abgerufen am 29.08.2025)
> Wikipedia (abgerufen am 29.08.2025)

Archiv der Universität Wien, Akademischer Senat, GZ 6 ex 1949/50 (Ehrentafel); Philosophische Fakultät GZ 240 ex 1949/50 (Ehrentafel).

Autor*innen

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert

24.09.2026

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Literatur und gedruckte Quellen

W. R. Dawson, Who Was Who in Egyptology. 3. Aufl.
Hans Günther Mukarovsky, Leo Reinisch: Werk und Erbe. Aufsatzsammlung (Wien 1987).
Herrmann Jungraithmayr, Wilhelm J. G. Möhlig, Lexikon der Afrikanistik. Afrikanische Sprachen und ihre Erforschung (Berlin 1983).
Richard Meister, Geschichte der Akademie der Wissenschaften in Wien 1847–1947 (Wien 1947).
Wilhelm Kosch, Das katholische Deutschland. Bd. 2 (Augsburg 1937).
H. Junker, Leo Reinisch. Almanach der Akademie der Wissenschaften 70 (1920) (1920) 210-220.
Universität Wien, Die Feierliche Inauguration des Rektors der Wiener Universität für das Studienjahr … [1890–1967] an der Universität Wien (Wien).
Universität Wien, Übersicht der akademischen Behörden, Professoren, Privatdozenten, Lehrer, Beamten usw. an der Universität Wien : Studienjahr. […] , online unter https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/periodical/structure/29237….
Constantin Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, enthaltend die Lebensskizzen der denkwürdigen Personen, welche seit 1750 in den österreichischen Kronländern geboren wurden oder darin gelebt und gewirkt haben, 60 Tl (Wien).