Baumgartner, Andreas Freiherr von

o. Prof. Dr. phil.

23.11.1793–30.07.1865

geb. Friedberg | Frymburk, Tschechien
gest. Wien-Hietzing, Österreich

Andreas Freiherr von Baumgartner (1793–1865), Mathematik, Physik, Politiker
Ehrung Titel Fakultät Datierung
Ehrentafel-Fakultät Philosophische Fakultät 1893

Die Ehrentafeln der Fakultäten in den Seitenaulen des Hauptgebäudes der Universität Wien wurden am 24. Mai 1893 enthüllt. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Ehrentafel der Philosophischen Fakultät eine Liste von 38 Namen von berühmten Schülern der Universität Wien, darunter jenen von Andreas Baumgartner. Die Liste war war für die Fakultät von Prof. Wilhelm Hartel bzw. im Auftrag des Senats von Universitätsarchivar Karl Schrauf zusammengestellt worden.

Funktion Zeitraum Fakultät
Dekan*in 1825/26 Philosophische Fakultät
Dekan*in 1828/29 Philosophische Fakultät
Rektor 1849/50 Philosophische Fakultät
Andreas Freiherr von Baumgartner (1793–1865), Mathematik, Physik, Politiker
Andreas Freiherr von Baumgartner (1793–1865), Mathematik, Physik, Politiker
Andreas Freiherr von Baumgartner (1793–1865), Physik, Mathematik
Andreas Freiherr von Baumgartner (1793–1865), Physik, Mathematik
Mitglieder der mathematisch-naturhistorischen Klasse der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien
Mitglieder der mathematisch-naturhistorischen Klasse der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien
Andreas Freiherr von Baumgartner (1793–1865), Physik, Mathematik
Andreas Freiherr von Baumgartner (1793–1865), Physik, Mathematik
Zeitungsbericht zur Wahl des Rektors und anderer Funktionäre, Wiener Zeitung, 13. Dezember 1825
Zeitungsbericht zur Wahl des Rektors und anderer Funktionäre, Wiener Zeitung, 13. Dezember 1825
Ehrentafel der Philosophischen Fakultät, Aula der Universität Wien
Ehrentafel der Philosophischen Fakultät, Aula der Universität Wien

Andreas Baumgartner, Sohn eines Gastwirts und Bäckers im böhmischen Friedberg, besuchte das Gymnasium in Linz und Budweis. Er nahm 1810 das Studium an der Universität Wien auf und besuchte Lehrveranstaltungen in Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften. 1814 wurde Baumgartner zum Dr. phil. promoviert. Ab 1815 war er Assistent am Lehrstuhl für Philosophie, wechselte jedoch bereits im Folgejahr an die Lehrkanzel für Mathematik und Physik, wo er ebenfalls als Assistent tätig wurde. 1817 wurde er als Professor der Physik an das Lyzeum in Olmütz (Olomouc, Tschechische Republik) berufen.

1823 kehrte Andreas Baumgartner nach Wien zurück, als er zum ordentlichen Professor für Physik und Angewandte Mathematik an der Universität Wien ernannt wurde. Zu Baumgartners Aufgaben zählte zudem die Betreuung des 1715 von den Jesuiten gegründeten Physikalischen Cabinets, das physikalische Geräte, Werkzeuge und Maschinenmodelle als Anschauungsobjekte für die Lehre bereitstellte. Unter seiner Leitung wurden zahlreiche veraltete Geräte aus der Sammlung ausgeschieden und der Bestand aktualisiert.

Seine erste wissenschaftliche Monografie „Die Äräometrie in ihrer Anwendung auf Chemie und Technik“ hatte Baumgartner bereits 1820 veröffentlicht. Im Zuge dessen erfand er auch einen Aräometer zur schnellen Bestimmung der Dichte fester Körper. Aufbauend auf sein 1823 erschienenes Werk „Mechanik in ihrer Anwendung auf Künste und Gewerbe“ hielt er an der Universität Wien ab 1825 zudem sonntags öffentliche Vorlesungen über Populäre Mechanik für Künstler und Handwerker. Ab 1824 publizierte er sein mehrbändiges Lehrbuch „Naturlehre nach ihrem gegenwärtigen Zustande mit Rücksicht auf mathematische Begründung“, das sich rasch zu einem Standardwerk im gesamten deutschsprachigen Raum entwickelte und mehrere Auflagen erreichte.
Gemeinsam mit seinem Schwager Andreas von Ettingshausen begründete Baumgartner 1826 die „Zeitschrift für Physik und Mathematik“, die er zunächst gemeinsam mit Ettingshausen, ab 1832 alleine unter dem Titel „Zeitschrift für Physik und verwandte Wissenschaften“ sowie 1837 bis 1841 schließlich gemeinsam mit Philipp Alois von Holger herausgab.

An der Universität Wien wurde Andreas Baumgartner bereits kurz nach Antritt seiner Professur 1823 zum Prokurator der ungarischen Nation gewählt. In den Studienjahren 1825/26 und 1828/29 fungierte er als Dekan der Philosophischen Fakultät.
Krankheitsbedingt legte Baumgartner 1833 seine Lehrtätigkeit zurück. Seine Nachfolge übernahm Andreas von Ettinghausen.

Baumgartner war stets bemüht, die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Naturforschung und Technik zu popularisieren und praxisbezogen an die Industrie zu vermitteln, um sie kommerziell nutzbar zu machen. 1833 berief Kaiser Franz I. ihn in den Staatsdienst und ernannte ihn zum Direktor der k.k. Porzellanfabrik in Wien sowie zum Vorstand der Gußspiegel- und Smaltefabrik in Schlegelmühl/Reichenau in Niederösterreich. 1842 übernahm er die Direktion der österreichischen Tabakfabriken „k.k. Tabakregie“, die er durch Reorganisation zu einem Aufschwung führte. 1845 war er als Vorsitzender der Gewerbeausstellungskommission tätig. Parallel fungierte Baumgartner 1840 bis 1847 als Direktor und Präsident der Kaiser Ferdinands-Nordbahn. Unter seiner Leitung begründete die Gesellschaft nicht nur 1844 das erste Pensionsinstitut, sondern führte auch erste telegraphische Versuche durch. Seine umfangreichen Kenntnisse der Physik und im Besonderen der Elektrizitätslehre setzte er ab 1846 als Leiter des Telegraphenwesens ein und war führend an dem Aufbau des elektrischen Telegraphennetzes in Österreich beteiligt. Er stellte dafür eine hochqualifizierte Arbeitsgruppe aus Physikern und Technikern zusammen, die diese beachtliche Leistung zusammen mit den mechanischen Werkstätten in Wien erbrachten.

Aufgrund seiner erfolgreichen Tätigkeit wurde er im Revolutionsjahr 1848 zum Leiter der Staatsbahnen und damit des Eisenbahnbaus in Österreich ernannt. Unter Ministerpräsident Franz von Pillersdorf fungierte Baumgartner für zwei Monate von Mai bis Juli 1848 als Minister für öffentliche Arbeiten und das Bergwesen. In dieser Funktion kamen ihm die aus Kostengründen immer wieder zurückgestellten Pläne zur Errichtung der Semmeringbahn entgegen. Um Arbeitern Beschäftigung zu bieten, erteilte er am 27. Juni 1848 die Bewilligung zum Bau der Bahnstrecke für Dampflokomotiven. Nach dem Rücktritt des Ministeriums Pillersdorf wurde Baumgartner im August 1848 Sektionschef im Finanzministerium und im Folgejahr Vizepräsident der Zolltarif-Regulierungskommission.

Daneben war Baumgartner auch weiterhin im akademischen Bereich aktiv. Am 7. Dezember 1849 wurde Andreas von Baumgartner zum Rektor der Universität Wien für das Studienjahr 1849/50 gewählt. Nach den Thun-Hohensteinschen Reformen war er der erste Rektor, der nicht mehr von den vier Prokuratoren der Akademischen Nationen, sondern von den Professorenkollegien in dieses Amt gewählt wurde. Seit Juli 1849 außerdem als Stellvertreter des Präsidenten der Akademie der Wissenschaften in Wien tätig, übernahm er 1851 deren Präsidentschaft – diese Funktion behielt er trotz zahlreicher weiterer beruflicher Verpflichtung u.a. als Minister bis zu seinem Tod bei.

Im April 1851 zum Reichsrat ernannt, folgte im Mai 1851 seine Ernennung zum Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Bauten und im Dezember 1851 zusätzlich die Leitung des Finanzministeriums. Als Handels- und Finanzminister hatte er u.a. die Oberaufsicht über den 1848 noch selbst in Auftrag gegebenen Bau der Semmeringbahn. 1855 legte er seine politischen Ämter zurück, um sich seinen wissenschaftlichen Forschungen zu widmen.

1861 wurde Baumgartner zum lebenslänglichen Mitglied des Herrenhauses gewählt, wo er als Obmann der Finanzkommission und ab 1862 als Mitglied der Staatsschulden-Kontrollkommission tätig war.

Für seine vielseitigen Verdienste wurde Andreas von Baumgartner vielfach geehrt: Seit 1847 Gründungsmitglied und ab 1849 Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften in Wien, amtierte er ab 1851 bis zu seinem Tod als deren Präsident. Er gehörte zudem der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (1833), der Gesellschaft der Naturforscher Leopoldina in Halle (1860) sowie der Deutschen Akademie der Naturforscher in Jena an. Die Göttinger Akademie der Wissenschaften wählte ihn 1854 zum Ehrenmitglied. 1842 zum Hofrat ernannt, erhielt er 1850 den Geheimratstitel und wurde 1854 in den Freiherrenstand erhoben. Er war auch Träger zahlreicher Orden, darunter der Orden der Eisernen Krone I. Klasse (1852), das Großkreuz des Leopold-Ordens (1863), der Bayerische Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst (1853) und der königlich sächsische Verdienstorden. Die Universität Jena ernannte ihn zum Ehrendoktor der Medizin und die Stadt Olmütz zum Ehrenbürger.
Der mit Baumgartner befreundete Schriftsteller Adalbert Stifter setzte ihm 1857 in seinem Roman „Nachsommer“ in der Figur des Freiherrn von Risach ein literarisches Denkmal.

Andreas von Baumgartner, der am 30. Juli 1865 in Wien verstarb, wurde auf dem Hietzinger Friedhof bestattet. Seine Fachbibliothek sowie seine Sammlung an physikalischen Geräten vermachte er testamentarisch der Oberrealschule der Stadt Olmütz. Der Akademie der Wissenschaften in Wien stiftete er den Baumgartner-Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Physik. Eine Büste in der Akademie der Wissenschaften erinnert noch heute an ihn.
Die Universität Wien ehrte ihn, indem sie 1893 seinen Namen auf die Ehrentafel der Philosophischen Fakultät im Universitätshauptgebäude eintragen ließ.

Werke (Auswahl)

Aräometrie, oder Anleitung zur Bestimmung des specifischen Gewichtes und zur Verfertigung genauer Aräometer für Chemisten und Technologen, 1820.
Die Mechanik in ihrer Anwendung auf Künste und Gewerbe. Gemeinverständlich dargestellt, 1823.
Die Naturlehre nach ihrem gegenwärtigen Zustande mit Rücksicht auf mathematische Begründung (3 Bände + Supplementband), 1824–1831 (8. Auflage 1845): Band 1 | Band 2 | Band 3 | Supplementband).
Anfangsgründe der Naturlehre als Auszug aus der Naturlehre nach ihrem gegenwärtigen Zustande mit Rücksicht auf mathematische Begründung, 1837.
Anleitung zum Heitzen der Dampfkessel und zur Wartung der Dampfmaschinen, 1841.
Unterricht im Tabak-Baue. Für die Tabakpflanzer in Ungarn, Galizien und Südtirol, 1845.

Siehe auch

> Österreichisches Biographisches Lexikon (abgerufen am 16.10.2025)
> Wien Geschichte Wiki (abgerufen am 16.10.2025)
> Allgemeine Deutsche Biographie (abgerufen am 16.10.2025)
> Wikisource: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich (abgerufen am 16.10.2025)
> Wikipedia (abgerufen am 16.10.2025)

Autor*innen

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert

24.09.2026

Versionierter Zitationslink

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Literatur und gedruckte Quellen

Wolfgang L. Reiter, Institution und Forschung: Physik im Wandel 1850–1900 – eine kaleidoskopische Annäherung. In: Universität – Forschung – Lehre. Themen und Perspektiven im langen 20. Jahrhundert, herausgegeben von Katharina Kniefacz, Elisabeth Nemeth, Herbert Posch, Friedrich Stadler, 149-168 (Göttingen 2015), online unter http://www.vr-elibrary.de/doi/pdf/10.14220/9783737002905.149.
Franz Pichler, Andreas Baumgartner: Die Errichtung der Telegraphie in Österreich. In: OÖLM Symposium, online unter http://www.cast.uni-linz.ac.at/Department/Publications/2010/2010_2.doc.
Daniela Angetter, Michael Martischnig, Österreichisches Staatsarchiv (Hg.), Biografien österreichischer PhysikerInnen. Eine Auswahl (Wien 2005), online unter https://www.zobodat.at/biografien/PHYSIKER_Biografien_Broschuere.pdf.
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Silvia Adamek, Der Lehrkörper der philosophischen Fakultät von 1800 bis 1848 (Diss. Univ. Wien) (Wien 1984).
Elisabeth Gürtler, Das Studium an den Gymnasien und an der philosophischen Fakultät der Alma mater Rudolphina in der Zeit von 1800 bis zur Revolution 1948 (Universität Wien 1981).
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Hans Lentze, Andreas Freiherr von Baumgartner und die Thunsche Studienreform. Anzeiger der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1959, 161ff.
Karl Bardachzi, Andreas Freiherr von Baumgartner als Risach in Adalbert Stifters „Nachsommer“. Anzeiger der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1951, 139–149.
Lotte Bittner, Geschichte des Studienfaches Physik an der Wiener Universität in den letzten hundert Jahren, ungedr. phil. Diss. Univ. Wien (Wien 1949).
Lotte Bittner, Physik an der Universität Wien (Universität Wien 1949).
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Allgemeine Deutsche Biographie (56 Bd.) (München and Leipzig).
Österreichisches biographisches Lexikon 1850–1950. (1951-heute) (Wien).
Constantin Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, enthaltend die Lebensskizzen der denkwürdigen Personen, welche seit 1750 in den österreichischen Kronländern geboren wurden oder darin gelebt und gewirkt haben, 60 Tl (Wien).