Portrait Paul de Sorbait 1668_69_Archiv Ellinger Öhner

Ausstellung
Medikus und Professor, Soldat und Leibarzt. Der Wiener Pestexperte Paul de Sorbait (1624-1691)

Am 25. Jänner 1624, also genau vor 400 Jahren, wurde Paul de Sorbait in Montbliart in Belgien geboren. Gleichzeitig jährt sich die große Pestwelle des Jahres 1679 in Wien zum 345. Mal. In Zusammenarbeit mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften widmet die Universität Wien dem Pestarzt und Rektor eine Plakatausstellung.

Die Ausstellung (ent)führt Sie in die Welt des 17. Jahrhunderts und eine ihrer größten Herausforderungen: die Eindämmung der Pest. Paul de Sorbait hatte in seiner Rolle als Pestinquisitor während der großen Pest des Jahres 1679 in Wien weitreichenden Einfluss auf die Maßnahmen gegen ihre Ausbreitung. Seine teilweise auch ungehörten Mahnrufe und der weitere Pandemieverlauf werden ebenso aufgegriffen wie die Einstellung der Menschen zu Leben und Tod in Pestzeiten. Sind die Maßnahmen von 1679 mit jenen der 2020er vergleichbar? 

In Bild und Text beleuchtet die Ausstellung Sorbaits biografischen Werdegang, seine Bedeutung für die Universität Wien als Medizinprofessor, Dekan und Rektor, aber auch die familiären Bande in seiner Wahlheimat Wien sowie seine Netzwerke zum Kaiserhof, der Stadt Wien und der Gelehrtenwelt.

Kuratorinnen
Daniela Angetter-Pfeiffer, Ulrike Denk, Nina Knieling

Spital mit Pestkranken_Wien Museum.jpg

Spital mit Pestkranken 
© Wien Museum

Geografische Biografie – Herkunft und Bildungsweg

Paul de Sorbait wurde am 25. Jänner 1624 als fünftes Kind von Nicolas Desorbay und Jeanne Rouly in Montbliart, Hainaut, geboren. Er war Zeit seines Lebens ein sehr gläubiger Katholik. Sorbait besuchte die Pfarrschule von Montbliart und lernte u.a. Geige zu spielen. So ist auch in seiner Grabinschrift zu lesen, dass er Musikus war. 1636 erlebte er in seiner Heimat zum ersten Mal eine Pestepidemie. Mit ca. 15 Jahren ging er in die 30 km entfernte Stadt Thuin und besuchte die dortige Lateinschule.

Nach einigen Wanderjahren in der Zeit des 30-jährigen Krieges (1618–1648), während derer er sich in Köln aufhielt und auch die Belagerung der Stadt Neuss 1642 miterlebte, studierte er 1643–1646 an der Philosophischen Fakultät der Universität Paderborn und wurde am 23. Mai 1646 zum Doktor der Philosophie promoviert. In diesem Jahr belagerten auch feindliche Truppen die Stadt. Nach seiner Ankunft in Wien 1646 ließ er sich in die Hauptmatrikel der Universität Wien einschreiben: „Dom. Paulus de Sorbait ex Hannonia med. stud.“.

Für den Abschluss seiner Studien ging er allerdings an die Universität Padua, die für das Medizinstudium einen herausragenden Ruf genoss und eines der Zentren für Medizin in ganz Europa war. Nach der erfolgreichen Promotion kam er noch im selben Jahr 1652 zurück nach Wien und wurde in das Medizinische Doktorenkollegium aufgenommen. Sorbait hatte Kenntnis von gleich sechs Sprachen: neben Griechisch und Latein sprach er Französisch, Wallonisch, Italienisch und Deutsch.

Sitzung des Universitätskonsistoriums gegen Ende des 17. Jahrhunderts, Kupferstich von Georg Christoph Eimmart aus UAW, 106.I.3747-02.
Portrait Paul de Sorbait 1668_69_Archiv Ellinger Öhner
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Universitätskonsortium, © Archiv der Universität Wien
Portrait Paul de Sorbait 1668/69, Archiv Ellinger Öhner
1892 Universität Wien: Max Ferstel – Universität Wien

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Weitere Stationen seines Lebens

Sorbaits akademische Laufbahn entspricht einer Bilderbuchkarriere: 1655 berief man ihn zum Professor für theoretische Medizin, 1666 zum Professor für Anatomie bzw. praktische Medizin. Er bekleidete drei Mal das Amt des Dekans der Medizinischen Fakultät (1666, 1669 und 1678). Sein Einsatz für die Medizinische Fakultät galt der Aufwertung der Lehre und insbesondere der Anatomie, aber auch der Stellung bei standesgemäßen Rangstreitigkeiten der Medizinischen Fakultät beispielsweise gegenüber der Juridischen Fakultät. Ebenso bemerkenswert ist sein unermüdliches Vorgehen gegen Kurpfuscher und Scharlatane.

1668 wurde er für ein Jahr zum Rektor der Universität Wien gewählt. Darüber hinaus hatte Sorbait eine Reihe von Universitätsämtern inne, beispielsweise als Superintendent der Goldbergstiftung und der Emerichschen Stiftung. Die Stiftungsgelder wurden für die finanzielle Unterstützung von Studierenden verwendet, im Falle der Kodrei Goldberg handelte es sich um ein studentisches Armenhaus. Bereits zu Lebzeiten stiftete Sorbait Geld für den Ausbau des Stiftungshauses (heute Johannesgasse 12) sowie der dortigen Errichtung einer Kapelle.

Als Paul de Sorbait bereits emeritiert war, kam es 1683 zur Belagerung Wiens durch die Osmanen. Aus diesem Anlass beschlossen Rektor und Konsistorium der Universität, die Studierenden zur Teilnahme an der Verteidigung der Stadt aufzufordern und drei Kompanien aufzustellen. Sorbait beteiligte sich am Aufgebot und wurde zum Oberstwachtmeister ernannt. Der Wiener Stadtschreiber Nikolaus Hocke berichtete als Augenzeuge:

„Unter anderem hat Herr Dr. de Sorbait als obrister Wachtmeister mit stättem Fleiß und Euffer nicht allein die Studenten und dero Compagnien bey den gefährlichsten Schiessen deß Feinds an ihro Posto auff- und abgeführt und sie gegen den Feind auffgemuntert, sondern auch öffters mit Darschiessung eignen paaren Mitteln dem gemeinen Wesen zum Besten angefrischet und die Mannschafft dadurch erhalten.“

Aufgrund seines Einsatzes während der Gefechte wurde Sorbait im 1894 gefertigten „Türkenbefreiungsdenkmal“ im Wiener Stephansdom verewigt.

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Sitzung des Universitätskonsistoriums gegen Ende des 17. Jahrhunderts,
Kupferstich von Georg Christoph Eimmart
aus UAW, 106.I.3747-02.
© Archiv der Universität Wien

Der Pestarzt – eine Funktion, die niemand ausüben wollte

1540 wurde der Magister Sanitatis (Pestarzt) als Leiter für alle Angelegenheiten diese Seuche betreffend initiiert. Daraus entwickelte sich der spätere Stadtphysikus, der praktisch die Aufgaben des heutigen Gesundheitsamtes wahrnahm. Allerdings war diese Funktion alles andere als begehrenswert.

Ein erfahrener Arzt mittleren Alters, gottesfürchtig und bescheiden, vorbehaltlos, sich vielfach unentgeltlich um Pestkranke kümmernd, so stellte man sich das Idealbild des Magister Sanitatis vor.

Titelblatt Pest-Ordnung.jpg

Titelblatt Pest-Ordnung

Mit den Aussichten für wenig Lohn ausschließlich Pestkranke zu versorgen und selbst womöglich der Seuche zu erliegen, ließ sich zunächst kein Arzt für diesen Posten finden. Also sollte das jeweils jüngste Mitglied der Medizinischen Fakultät dieses Amt bekleiden. Die jungen Ärzte weigerten sich, wohl zu Recht, denn die ersten Pestärzte in Wien, darunter Franz Vesalius, überlebten die Tätigkeit nicht lange. Kein Wunder, dass Mediziner teilweise aus Wien flüchteten. Auch das Pflegepersonal verweigerte oft den Dienst, sodass Strafgefangene zur Betreuung der Kranken und Dahinsiechenden gezwungen wurden.

1679 publizierte Paul de Sorbait auf Anordnung der niederösterreichischen Landesstände eine Pestordnung, um der Bevölkerung einen „heylsamen Schildt wider die Pestilentzische Pfeyle“ zu bieten.

Darin beschreibt er den Alltag des Pestarztes:

  • Tägliche Erreichbarkeit zu Hause von 11–14 Uhr und von 18–7 Uhr
  • Lüftung der Krankenzimmer vor Patientenbesuchen oder Verbringung der Kranken ins Freie
  • Möglichst kurze Aufenthaltszeit bei den Patient*innen
  • Mehrmals tägliche Säuberung und „Beräucherung“ des ledernen Arztmantels
  • Weitere Schutzmaßnahmen: Maske, Kerze zum Ausräuchern, ein Stab, um Distanz zu Patient*innen zu halten, Essig zur Spülung von Mund und Nase, morgendliche Einnahme von einem Glas Wein oder Branntwein
  • Visite in Pestlazaretten
  • Vorgeschriebene Trennung von der Familie während der Funktionsausübung

Die Pest 1679

Die Pest trat 1679 zuerst in der Leopoldstadt auf und breitete sich von dort in Wien aus. In elf Monaten forderte sie mindestens 12.000 Opfer. Offiziell war die Mondfinsternis vom 15. April schuld, dazu ein warmer, windstiller Sommer, der – nach der Miasmentheorie – für eine fäulnisfördernde Beschaffenheit der Luft sorgte. Daher sollte man sich von stehenden Gewässern oder übelriechenden Teichen fernhalten, denn von dort konnten pesterregende Dämpfe ausgehen ebenso wie von Tierkadavern.

Im Oktober erging die Pest-Ordnung an alle geistlichen und weltlichen Behörden, Landgerichte, Burgfriedsherrschaften und Grundobrigkeiten mit Informationen zu Ursachen, Symptomen, Verhaltensregeln und der Errichtung von Pestlazaretten. Menschenansammlungen wurden verboten, Schulen und Universitäten geschlossen, Wachen kontrollierten Einreisende an den Stadttoren Wiens. An markanten Verkehrsknotenpunkten wurden Reisende und Händler ebenfalls nur gegen das Vorweisen eines Pestpasses, der Gesundheit bescheinigte, weitergelassen. Die Straßen nach Salzburg wurden gesperrt.

Die Menschen flohen eilfertig und die Wiener Stadt war in wenigen Tagen volklos geworden

Kaiser Leopold I. pilgerte gegen den Rat Sorbaits mit einem riesigen Hofstab zur Bittwallfahrt nach Mariazell und reiste dann weiter nach Prag – mit im Gepäck die Pest.

Viele Bürger machten es dem Hof nach, auch wenn gewissen Berufsgruppen und Männern die Flucht versagt war, da man sie als Wundärzte, Apotheker oder Leichenträger brauchte. Bei Missachtung drohte die Todesstrafe. Für Ärmere war es besonders schwierig, da sie weder über Landhäuser noch über finanzielle Mittel verfügten, sich andernorts eine neue Existenz aufzubauen, zumal die Flucht aus Pestgebieten rasch erfolgen musste. Sobald sich Nachrichten über das Auftreten verbreiteten, verweigerten Städte aus Selbstschutz einen Zuzug aus den betreffenden Regionen.

Trotzdem konnte man 1679 von einer Massenflucht sprechen. Gestattet war sie Kindern, Schwangeren, Greisen, und „entbehrlichen Weibern“. Vielen blieb aber nur die Möglichkeit, sich in Wäldern provisorische Holzhütten zu bauen, um dort an der Seuche zugrunde zu gehen.