Ausstellung
Medikus und Professor, Soldat und Leibarzt. Der Wiener Pestexperte Paul de Sorbait (1624-1691)
Am 25. Jänner 1624, also genau vor 400 Jahren, wurde Paul de Sorbait in Montbliart in Belgien geboren. Gleichzeitig jährt sich die große Pestwelle des Jahres 1679 in Wien zum 345. Mal. In Zusammenarbeit mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften widmet die Universität Wien dem Pestarzt und Rektor eine Plakatausstellung.
Die Ausstellung (ent)führt Sie in die Welt des 17. Jahrhunderts und eine ihrer größten Herausforderungen: die Eindämmung der Pest. Paul de Sorbait hatte in seiner Rolle als Pestinquisitor während der großen Pest des Jahres 1679 in Wien weitreichenden Einfluss auf die Maßnahmen gegen ihre Ausbreitung. Seine teilweise auch ungehörten Mahnrufe und der weitere Pandemieverlauf werden ebenso aufgegriffen wie die Einstellung der Menschen zu Leben und Tod in Pestzeiten. Sind die Maßnahmen von 1679 mit jenen der 2020er vergleichbar?
In Bild und Text beleuchtet die Ausstellung Sorbaits biografischen Werdegang, seine Bedeutung für die Universität Wien als Medizinprofessor, Dekan und Rektor, aber auch die familiären Bande in seiner Wahlheimat Wien sowie seine Netzwerke zum Kaiserhof, der Stadt Wien und der Gelehrtenwelt.
Kuratorinnen
Daniela Angetter-Pfeiffer, Ulrike Denk, Nina Knieling
Geografische Biografie – Herkunft und Bildungsweg
Paul de Sorbait wurde am 25. Jänner 1624 als fünftes Kind von Nicolas Desorbay und Jeanne Rouly in Montbliart, Hainaut, geboren. Er war Zeit seines Lebens ein sehr gläubiger Katholik. Sorbait besuchte die Pfarrschule von Montbliart und lernte u.a. Geige zu spielen. So ist auch in seiner Grabinschrift zu lesen, dass er Musikus war. 1636 erlebte er in seiner Heimat zum ersten Mal eine Pestepidemie. Mit ca. 15 Jahren ging er in die 30 km entfernte Stadt Thuin und besuchte die dortige Lateinschule.
Stationen des Bildungswegs von Pail de Sorbaits
Nach einigen Wanderjahren in der Zeit des 30-jährigen Krieges (1618–1648), während derer er sich in Köln aufhielt und auch die Belagerung der Stadt Neuss 1642 miterlebte, studierte er 1643–1646 an der Philosophischen Fakultät der Universität Paderborn und wurde am 23. Mai 1646 zum Doktor der Philosophie promoviert. In diesem Jahr belagerten auch feindliche Truppen die Stadt. Nach seiner Ankunft in Wien 1646 ließ er sich in die Hauptmatrikel der Universität Wien einschreiben: „Dom. Paulus de Sorbait ex Hannonia med. stud.“.
Für den Abschluss seiner Studien ging er allerdings an die Universität Padua, die für das Medizinstudium einen herausragenden Ruf genoss und eines der Zentren für Medizin in ganz Europa war. Nach der erfolgreichen Promotion kam er noch im selben Jahr 1652 zurück nach Wien und wurde in das Medizinische Doktorenkollegium aufgenommen. Sorbait hatte Kenntnis von gleich sechs Sprachen: neben Griechisch und Latein sprach er Französisch, Wallonisch, Italienisch und Deutsch.
Weitere Stationen seines Lebens
Sorbaits akademische Laufbahn entspricht einer Bilderbuchkarriere: 1655 berief man ihn zum Professor für theoretische Medizin, 1666 zum Professor für Anatomie bzw. praktische Medizin. Er bekleidete drei Mal das Amt des Dekans der Medizinischen Fakultät (1666, 1669 und 1678). Sein Einsatz für die Medizinische Fakultät galt der Aufwertung der Lehre und insbesondere der Anatomie, aber auch der Stellung bei standesgemäßen Rangstreitigkeiten der Medizinischen Fakultät beispielsweise gegenüber der Juridischen Fakultät. Ebenso bemerkenswert ist sein unermüdliches Vorgehen gegen Kurpfuscher und Scharlatane.
Sitzung des Universitätskonsistoriums gegen Ende des 17. Jahrhunderts, Kupferstich von Georg Christoph Eimmart aus UAW, 106.I.3747-02. © Archiv der Universität Wien
1668 wurde er für ein Jahr zum Rektor der Universität Wien gewählt. Darüber hinaus hatte Sorbait eine Reihe von Universitätsämtern inne, beispielsweise als Superintendent der Goldbergstiftung und der Emerichschen Stiftung. Die Stiftungsgelder wurden für die finanzielle Unterstützung von Studierenden verwendet, im Falle der Kodrei Goldberg handelte es sich um ein studentisches Armenhaus. Bereits zu Lebzeiten stiftete Sorbait Geld für den Ausbau des Stiftungshauses (heute Johannesgasse 12) sowie der dortigen Errichtung einer Kapelle.
Als Paul de Sorbait bereits emeritiert war, kam es 1683 zur Belagerung Wiens durch die Osmanen. Aus diesem Anlass beschlossen Rektor und Konsistorium der Universität, die Studierenden zur Teilnahme an der Verteidigung der Stadt aufzufordern und drei Kompanien aufzustellen. Sorbait beteiligte sich am Aufgebot und wurde zum Oberstwachtmeister ernannt. Der Wiener Stadtschreiber Nikolaus Hocke berichtete als Augenzeuge:
„Unter anderem hat Herr Dr. de Sorbait als obrister Wachtmeister mit stättem Fleiß und Euffer nicht allein die Studenten und dero Compagnien bey den gefährlichsten Schiessen deß Feinds an ihro Posto auff-und abgeführt und sie gegen den Feind auffgemuntert, sondern auch öffters mit Darschiessung eignen paaren Mitteln dem gemeinen Wesen zum Besten angefrischet und die Mannschafft dadurch erhalten.“
Aufgrund seines Einsatzes während der Gefechte wurde Sorbait im 1894 gefertigten „Türkenbefreiungs- denkmal“ im Wiener Stephansdom verewigt.
Paul de Sorbaits Familie in Wien
Seit seiner Aufnahme in die Medizinische Fakultät 1652 war Wien der Lebensmittelpunkt Sorbaits. 1658 erwarb er von der Witwe des Mediziners Johann Kaspar Crafft ein Haus in der Weihenburg, in dem er bis zu seinem Tod wohnte.
Sorbait war viermal verheiratet, wobei er zwischen den einzelnen Trauungen meist nur eine kurze Trauerzeit einhielt. Vermutlich waren die raschen Wiederverheiratungen dem Wunsch nach Nachkommen geschuldet.
Unterschrift Jakob de Sorbaits auf seinem Heiratsbrief vom 25.1.1681. Österreichisches Staatsarchiv (OeStA), Haus-, Hof- und Staatsarchiv (HHStA), Hofarchive Obersthofmeisteramt (HA OMaA), Akten 836- 5. [Archivsignatur lt. Informationsssytem: AT-OeStA/HHStA HA OMaA 836-5]
Ob Sorbait deshalb weitere Familienmitglieder nach Wien geholt hat, kann nicht belegt werden. Belegt ist, dass seine Neffen Hubert und Franz de Sorbait, die Söhne von Gilles (Ägidius) de Sorbait, in Wien ansässig waren. Hubert (1661–1728) erwarb das Bürgerrecht und war Wachskerzler, d.h. er fertigte Kerzen aus Wachs an (im Unterschied zu den Lichtziehern, die Unschlittkerzen herstellten). Sein Bruder Franz (1657–1698) schlug als hofbefreiter Barbier eine medizinische Karriere im Umfeld des Hofes ein.
Hubert und Franz wurden im Testament Sorbaits reich bedacht: Er hinterließ ihnen Bargeld, Wertgegenstände wie die kaiserlichen Geschenke, Kleidung sowie ein Haus in der Judengasse 7 (Nr. 505). Das Haus war der Kodrei Goldberg zur Tilgung von Schulden übergeben worden. Da diese es nicht erhalten konnte, hatte es Sorbait als Leiter der Kodrei übernommen. Bald nach Franz de Sorbaits Tod verkaufte sein Bruder Hubert das Haus, er selbst lebte mittlerweile in Mariahilf. Pauls Bruder Jakob (1631–1699) gehörte seit 1663 zur Hartschierenleibgarde Leopolds I.; ab 1676 war er Rottmeister, ab 1695 Unterfourier.
Aus Sorbaits Testament ist zu ersehen, dass es 1686/87 zu einem Zerwürfnis zwischen den Brüdern kam. Die mögliche Ursache war der mangelnde Studienerfolg der Söhne Jakobs: Im Kodizill von 1687 widerrief Sorbait die Donation seiner Bibliothek an die Neffen unter Verweis auf deren Studienerfolge. Gleichzeitig vergab er seinem Bruder alles Übel.
Im Dienst am Kaiserhof
Neben seiner Tätigkeit an der Universität gehörte Paul de Sorbait ab 1657 zum Hofstaat von Eleonora Magdalena Gonzaga (1628–1686), der Witwe Ferdinands III. Das genaue Datum seines Dienstantritts ist unbekannt, in den erhaltenen Hofstaatsverzeichnissen und Hofzahlamtsbüchern wird er nur in den 1670er-Jahren erwähnt. Dagegen wird er in den Akten der Medizinischen Fakultät im März 1657 erstmals als Hofarzt genannt. Selbst bezeichnete er sich meist als Leib- und Hofarzt der Kaiserinwitwe.
Ehrenimmatrikulation Leopolds I. in der Matrikel der Ungarischen Nation (NH 2, fol. 6r). © Universitätsarchiv Wien, Signatur 106.I.3825
Der Wiener Hof unter Leopold I. war ein komplexes Gebilde, das neben dem Hofstaat im engeren Sinn auch die höchsten Regierungsbehörden umfasste. Jedes Mitglied der kaiserlichen Familie verfügte über einen eigenen Haushalt, auch wenn manche Infrastrukturen (z.B. der kaiserliche Stall) von allen genutzt wurden. Der Hofstaat der Kaiserinwitwe bestand aus rund 220 Personen. Die medizinische Versorgung lag bei den Hofärzten und -barbieren für das Personal und den Leibärzten für die kaiserliche Familie. Außerdem gab es Apotheker und Krankenwärterinnen sowie Hebammen in den Hofstaaten der Kaiserinnen.
Die strenge Trennung zwischen Hof- und Leibarzt galt v.a. für den Hofstaat des Kaisers, in den anderen Haushalten, die über höchstens zwei bis drei Ärzte gleichzeitig verfügten, behandelten diese sowohl die kaiserlichen Dienstgeber als auch das Hofpersonal. Es ist daher wahrscheinlich, dass auch Paul de Sorbait ge- meinsam mit einem Kollegen für den gesamten Hofstaat zuständig war. Unterstützung erhielten die Ärzte vom Leibapotheker Eleonoras, der nach seinem Diensteid befugt war, eigene Rezepturen zu erstellen, während die übrigen Hofapotheker an ärztliche Anweisungen gebunden waren.
Dekret der Niederösterreichischen Regierung vom 23. März 1682 über die Verleihung des Ratstitels an Sorbait. © Universitätsarchiv Wien, Signatur CA 3.2977 / Ulrike Denk
Die kaiserliche Wertschätzung für einen renommierten Arzt wie Paul de Sorbait wird durch die Ernennung zum Rat 1682, den Ritterstand 1685, aber auch durch Geschenke
des Kaisers, des Kurfürsten von Bayern oder des Herzogs von Lothringen deutlich. Diese hob Sorbait in seinem Testament besonders hervor.
Mitglied der Leopoldina
1672 wurde Paul de Sorbait zum Mitglied der 1652 in Schweinfurt gegründeten „Academia Naturae Curiosorum“, der heutigen Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, ernannt.
Eintrag Paul de Sorbaits in der Matrikel der Leopoldina 1672.© Archiv Leopoldina MM 41
Die Gründung erfolgte nach dem Vorbild italienischer Gelehrtengesellschaften und diente der Erforschung der Natur. Umfassende Untersuchungen waren nach Ansicht der Gründer für Einzelpersonen nicht mehr möglich, weshalb sie sich zu einer Gesellschaft zusammenschlossen. Die ersten Jahre nach der Gründung waren der Werbung von Mitgliedern und der genaueren Festlegung der Ziele der Akademie gewidmet. 1671 wurde die Herausgabe einer Zeitschrift beschlossen. Außerdem strebte die Akademie die kaiserliche Anerkennung an.
Die Aufnahme Paul de Sorbaits ist wohl primär diesem Ziel geschuldet. Schon bei den ersten diesbezüglichen Versuchen der Akademie zwischen 1665 und 1670 wählte diese kaiserliche Leibärzte als Fürsprecher. 1676 nannte die Gesellschaft in ihrem Gesuch an den Reichshofrat um die kaiserliche Anerkennung u.a. Sorbait als Ansprechpartner. Seit der Bestätigung 1677 durfte sich die Gesellschaft als „kaiserliche Akademie“ bezeichnen. Die Kurzbezeichnung „Leopoldina“ verweist auf die Anerkennung durch Leopold I.
Sorbait nahm bei der Aufnahme den Beinamen „Machaon“ an. Machaon war ein Sohn des Asklepios, wie dieser ein hervorragender Arzt sowie Heerführer im Trojanischen Krieg. Ob Sorbait bei der Wahl seines Beinamens auf frühere militärische Erfahrungen zurückgegriffen hat, kann mangels Quellen nicht belegt werden. Fest steht, dass er 1683 als Kommandant der 3. Kompanie der Akademischen Legion an der Verteidigung der Stadt Wien gegen die Osmanen beteiligt war. Auch Sorbaits Epitaph und die Leichenpredigt nennen ihn Arzt und Soldat.
Neben der nicht dokumentierten Fürsprache für die Akademie publizierte Sorbait 41 medizinische Fallstudien (Observationes) in den ersten beiden Nummern der Akademiezeitschrift „Miscellanea curiosa sive Ephemeridum“.
Persönliche Beziehungen zwischen Universität, Hof und Stadt
Paul de Sorbait war Universitätsangehöriger, Hofmann und als Magister Sanitatis Angestellter der Niederösterreichischen Regierung bzw. der Stadt Wien. Sein persönliches Umfeld – belegt durch seine Ehefrauen und Trauzeugen, die Zeugen für sein Testament sowie Sorbaits Erwähnungen als Trauzeuge – entsprach ebenfalls diesen sozialen Räumen.
Seine ersten beiden Ehefrauen – Witwe eines Mediziners bzw. Tochter eines Spitalmeisters – kamen aus dem Umfeld der Universität bzw. der Medizin. Auch die Trauzeugen entstammten primär diesem Umfeld. Dagegen waren die dritte und vierte Ehefrau Töchter von Hofangehörigen. Die Zeugen der dritten Eheschließung sind ebenfalls den Bereichen Universität und Medizin zuzurechnen, während bei der vierten Mitglieder der Niederösterreichischen Regierung überwiegen.
Sorbaits Testament wurde von zwei Ärzten und zwei Juristen bezeugt, die alle sowohl an der Universität als auch am Hof bzw. bei der Niederösterreichischen Regierung tätig waren.
Die Auswertung der neunzehn Hochzeiten, an denen Sorbait zwischen 1657 und 1691 als Zeuge teilnahm, ergibt, dass der Großteil seines Umfeldes aus Personen bestand, die sowohl an der Universität als auch am Hof (37 %) oder nur am Hof (47 %) tätig waren. Der Rest kann der Stadt (11 %) und der Medizin im weiteren Sinne (5 %) zugeordnet werden. Fast die Hälfte war in medizinischen Berufen – Ärzte, Chirurgen und Apotheker – tätig (47 %). Ebenfalls rund die Hälfte des ausgewerteten Personenkreises waren Akademiker (42 %).
Dieses vorwiegend medizinisch-akademische Umfeld korrespondiert mit der Selbst- einschätzung Sorbaits, der sich primär als Universitätsangehöriger begriff. Er bezeichnete sich zuerst als Mediziner und Professor und nicht als Leibarzt. Diese Positionierung kommt auch in seiner Verlassenschaftsabhandlung und der seiner Ehefrauen zum Tragen, die im Unterschied zu anderen kaiserlichen Leibärzten von der Universität und nicht vom Obersthofmarschall abgewickelt wurden.
Paul de Sorbaits anfängliches Scheitern
1678 erkrankte der Webergeselle Jakob Meckhitz in Wien an einer fieberhaften Erkrankung mit Hautausschlägen und Erbrechen. Paul de Sorbait vermutete Pest. Er hatte recht, doch weder seine Kollegen noch die Obrigkeit glaubten ihm.
Dieses Vorgehen war nicht ungewöhnlich. Einzelne Pestfälle dementierte man und sprach von „hitzigem Fieber“, um Massenpanik, Handelssperren und Versorgungsengpässe in Städten zu vermeiden. Erst wenn das Sterben unübersehbar wurde, reagierte man mit Versammlungsverboten und der Indienststellung eines Magister Sanitatis. Daher verhallten auch Sorbaits Ratschläge zur Vermeidung der Krankheitsverbreitung wie Abstand halten und Isolation gleich beim Auftreten des ersten Falls selbst im Consilium Sanitatis ungehört. Im Gegenteil, man lud 1679 noch eine Reihe diplomatischer Gesandter nach Wien, wozu das Volk in großen Mengen zuschauen kam. Voller Bitterkeit resümierte Sorbait, wenn Gott ein Land strafen will, verblendet er die Obrigkeit. Im Juli 1679 stieg die Opferzahl dann dramatisch an, wie Abraham a Sancta Clara schilderte:
„Dann mitten in gedachten Monath Julii risse ein die laidige Sucht/ welche schon lang her unter dem Titul hitziger Kranckheit von Gewissens losen Leuthen verhült/ endlichen in ein allgemeine gifftige Contagion ausgebrochen/ daß man mit meniglicher Bestürtzung gleich hin und her auf freyer Gassen todte Cörper gefunden/ und also die traurige Tragedi offentlich kundbar worden“.
Der massive Ansturm auf die Angelika-wurzel als Heilmittel und das Läuten von Glocken, um das Faulen von stehender Luft zu verhindern, hätten – selbst, wenn sie eine Wirkung gehabt hätten – nichts mehr gebracht.
Die Pest in Wien
Der Name Pest leitet sich vom lateinischen Wort „pestis“ für Seuche ab. Die Pest ist eine hochansteckende Infektionskrankheit, hervorgerufen durch das Bakterium Yersinia pestis, benannt nach dem Schweizer Arzt Alexandre Yersin, der es 1894 etwa zeitgleich mit dem Japaner Shibasaburo Kitasato entdeckte. Letal endeten zumeist die Beulenpest, die Lungenpest oder die Pestsepsis. Bei Letzterer verteilten sich die Erreger über das Blut im gesamten Körper. Die Patient*innen litten an Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Schwindelanfällen, Schocksymptomen sowie Haut- und Organblutungen, daher der Name Schwarzer Tod.
1349
Erstmalig nachweisbares Auftreten der Pest in Wien und Niederösterreich
1381
Pestwelle in Wien und Niederösterreich
1410
Pestwelle in Wien und Niederösterreich
1436
Pestwelle in Wien und Niederösterreich
1506
Pestwelle in Wien und Niederösterreich
1521
Pestwelle in Wien und Niederösterreich
1521
Infektionsordnung für "Innerösterreich"
1534
Infektionsordnung für die "Oberösterreichischen Länder"
1540
Publikation der Schrift "Wien man sich zu zeiten der Pestilenz fürsehen vnd erhallten mög"
Infektionsordnung für die "Niederösterreichischen Länder"
Installierung eines Magister Sanitatis als Leiter für Pestangelegenheiten
1541
Pestwelle in Wien und Niederösterreich
1563
Pestwelle in Wien und Niederösterreich
1570
Pestwelle in Wien und Niederösterreich
1574
Infektionsordnung für das "Fürstliche Erzstift Salzburg"
1585
Infektionsordnung für das "Innviertel"
1586
Pestwelle in Wien und Niederösterreich
1597
Gründung des Consilium Sanitatis
1654
Pestwelle in Wien und Niederösterreich
1657
Errichtung des Kontumazhofs als Quarantänestation bei der Rochus-Kapelle am Alsergrund
1679
Die große Pest in Wien. Paul des Sorbait wird Generalinquisitor für alle Pestangelegenheiten.
Flucht des Kaiserhauses aus Wien.
Der Bänkelsänger Marx Augustin, bekannt als "Lieber Augustin" heitert die Wiener Bevölkerung während der Pestwelle im Griechenbeisl auf.
Einweihung der provisorischen Pestsäule.
1683
Pestwelle in Wien und Niederösterreich
1693
Einweihung der Pestsäule
1713
Die Pest erlischt in Wien.
1738
Erste Messfeier in der dem Pestheiligen Karl Borromäus gewidmeten Karlskirche.
1898
Der Ausbruch der Laboratoriumspest im Wiener Allgemeinen Krankenhaus fordert drei Opfer.
Der Pestarzt – eine Funktion, die niemand ausüben wollte
1540 wurde der Magister Sanitatis (Pestarzt) als Leiter für alle Angelegenheiten diese Seuche betreffend initiiert. Daraus entwickelte sich der spätere Stadtphysikus, der praktisch die Aufgaben des heutigen Gesundheitsamtes wahrnahm. Allerdings war diese Funktion alles andere als begehrenswert.
Ein erfahrener Arzt mittleren Alters, gottesfürchtig und bescheiden, vorbehaltlos, sich vielfach unentgeltlich um Pestkranke kümmernd, so stellte man sich das Idealbild des Magister Sanitatis vor.
Mit den Aussichten für wenig Lohn ausschließlich Pestkranke zu versorgen und selbst womöglich der Seuche zu erliegen, ließ sich zunächst kein Arzt für diesen Posten finden. Also sollte das jeweils jüngste Mitglied der Medizinischen Fakultät dieses Amt bekleiden. Die jungen Ärzte weigerten sich, wohl zu Recht, denn die ersten Pestärzte in Wien, darunter Franz Vesalius, überlebten die Tätigkeit nicht lange. Kein Wunder, dass Mediziner teilweise aus Wien flüchteten. Auch das Pflegepersonal verweigerte oft den Dienst, sodass Strafgefangene zur Betreuung der Kranken und Dahinsiechenden gezwungen wurden.
1679 publizierte Paul de Sorbait auf Anordnung der niederösterreichischen Landesstände eine Pestordnung, um der Bevölkerung einen „heylsamen Schildt wider die Pestilentzische Pfeyle“ zu bieten.
Darin beschreibt er den Alltag des Pestarztes:
- Tägliche Erreichbarkeit zu Hause von 11–14 Uhr und von 18–7 Uhr
- Lüftung der Krankenzimmer vor Patientenbesuchen oder Verbringung der Kranken ins Freie
- Möglichst kurze Aufenthaltszeit bei den Patient*innen
- Mehrmals tägliche Säuberung und „Beräucherung“ des ledernen Arztmantels
- Weitere Schutzmaßnahmen: Maske, Kerze zum Ausräuchern, ein Stab, um Distanz zu Patient*innen zu halten, Essig zur Spülung von Mund und Nase, morgendliche Einnahme von einem Glas Wein oder Branntwein
- Visite in Pestlazaretten
- Vorgeschriebene Trennung von der Familie während der Funktionsausübung
Die Pest 1679
Die Pest trat 1679 zuerst in der Leopoldstadt auf und breitete sich von dort in Wien aus. In elf Monaten forderte sie mindestens 12.000 Opfer. Offiziell war die Mondfinsternis vom 15. April schuld, dazu ein warmer, windstiller Sommer, der – nach der Miasmentheorie – für eine fäulnisfördernde Beschaffenheit der Luft sorgte. Daher sollte man sich von stehenden Gewässern oder übelriechenden Teichen fernhalten, denn von dort konnten pesterregende Dämpfe ausgehen ebenso wie von Tierkadavern.
Im Oktober erging die Pest-Ordnung an alle geistlichen und weltlichen Behörden, Landgerichte, Burgfriedsherrschaften und Grundobrigkeiten mit Informationen zu Ursachen, Symptomen, Verhaltensregeln und der Errichtung von Pestlazaretten. Menschenansammlungen wurden verboten, Schulen und Universitäten geschlossen, Wachen kontrollierten Einreisende an den Stadttoren Wiens. An markanten Verkehrsknotenpunkten wurden Reisende und Händler ebenfalls nur gegen das Vorweisen eines Pestpasses, der Gesundheit bescheinigte, weitergelassen. Die Straßen nach Salzburg wurden gesperrt.
Die Menschen flohen eilfertig und die Wiener Stadt war in wenigen Tagen volklos geworden
Kaiser Leopold I. pilgerte gegen den Rat Sorbaits mit einem riesigen Hofstab zur Bittwallfahrt nach Mariazell und reiste dann weiter nach Prag – mit im Gepäck die Pest.
Viele Bürger machten es dem Hof nach, auch wenn gewissen Berufsgruppen und Männern die Flucht versagt war, da man sie als Wundärzte, Apotheker oder Leichenträger brauchte. Bei Missachtung drohte die Todesstrafe. Für Ärmere war es besonders schwierig, da sie weder über Landhäuser noch über finanzielle Mittel verfügten, sich andernorts eine neue Existenz aufzubauen, zumal die Flucht aus Pestgebieten rasch erfolgen musste. Sobald sich Nachrichten über das Auftreten verbreiteten, verweigerten Städte aus Selbstschutz einen Zuzug aus den betreffenden Regionen.
Trotzdem konnte man 1679 von einer Massenflucht sprechen. Gestattet war sie Kindern, Schwangeren, Greisen, und „entbehrlichen Weibern“. Vielen blieb aber nur die Möglichkeit, sich in Wäldern provisorische Holzhütten zu bauen, um dort an der Seuche zugrunde zu gehen
Maßnahmen gegen Seuchen einst und jetzt
Schutz vor Ansteckung
| Pest | Corona |
| Quarantäne nach Epidemielage 30–80 Tage | Quarantäne nach gesetzlicher Anordnung |
| Mund-Nasen-Schutz durch in Essig getauchte Schwämme oder mit Kräutern gefüllte Tücher | Mund-Nasen-Schutz |
| Schnabelmasken | FFP2 und FFP3 Masken |
| Kennzeichnung der Häuser von Pestkranken | |
| Isolierung von Erkrankten in Kontumazeinrichtungen oder Pestlazaretten | Isolierabteilungen in Spitälern |
| Militärgrenze gegen das Osmanische Reich (Befragung, medizinische Untersuchung, Quarantäne, Handelsbeschränkungen, Weiterreise nur mit amtlichem Gesundheitszeugnis) | Grenzkontrollen (Ausfüllen von medizinischen Fragebögen, Quarantäne) |
| Regelmäßiges Lüften | Regelmäßiges Lüften |
| Tests |
Kolorierter Kupferstich eines Pestdoktors von Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom, ca. 1656. Wikipedia gemeinfrei
Lockdown
| Pest | Corona |
| Schließung von Bildungseinrichtungen, Freizeit- und Sportanlagen, Gaststätten und teilweise Kirchen | Schließung von Bildungseinrichtungen (Homeschooling), Freizeit- und Sportanlagen und Gaststätten, Homeoffice. Später Zutritt in Gastronomie- und Kulturbetriebe nur für Getestete oder Geimpfte |
| Verbot von Menschenansammlungen | Verbot von Menschenansammlungen |
| To go-Verkäufe in Gasthäusern | To go-Verkäufe in Gasthäusern |
| Verkaufsverbot u. a. von Schweinefleisch oder Textilien. Marktbetrieb außerhalb der Stadtmauern | Geschäftsschließungen |
| Beschränkung der Kundenanzahl in Dienstleistungsbetrieben | Beschränkung der Kundenanzahl in Dienstleistungsbetrieben |
| Verbot von Pestparties | Verbot von Coronaparties |
Schutzanzug für Rettungseinsätze bei Corona- oder Infektionspatient*innen. © Franz Jelinek, Rotes Kreuz Schwechat
Desinfektion
| Pest | Corona |
| Parfumessenzen | Hände- und Flächendesinfektion |
| Ausräuchern mit brennenden Wacholderstauden und anderen Hölzern | |
| Tabakrauchen | |
| Verbrennen von infizierten Gegenständen oder Häusern | |
| Desinfektion von Münzen in Essig | |
| Reinigungsvorschriften für Straßen und Gassen | |
| Verbot der Schweinehaltung in Wien |
Gegenmittel
| Pest | Corona |
| Theriak mit Opium, Hirschhornsalz, Spiritus terrae sigillatae, kühle Umschläge, Pestbier und Branntwein | Antivirale und immunmodulatorische Therapien |
| Impfung (Überlegungen zur Impfpflicht) | |
| Chirurgische Behandlung von Pesteiterbeulen durch Wundärzte | Unterstützung der Atmung |
Wie veränderte die Pest das Leben?
Aus Firenze berichtete Giovanni Boccaccio geprägt vom Pesttod seines Vaters 1348 in seiner Novellensammlung „Il Decamerone“
„Die Auswirkung dieser Seuche war verheerend, da sie schon durch den Umgang mit einem Kranken auf die Gesunden übersprang wie das Feuer auf trockene oder feste Dinge. Noch schlimmer war, dass sie sich nicht allein durch Gespräche oder Umgang mit Kranken auf Gesunde übertrug, sondern dass schon durch die bloße Berührung von Kleidungsstücken und Gebrauchsgegenständen, die ein Kranker benutzt oder angerührt hatte, diese entsetzliche Seuche den Berührenden zu ergreifen schien. Gegen diese Erkrankung vermochte weder die Kunst der Ärzte noch die Kraft der Medizin irgendetwas auszurichten. Die Luft war angefüllt mit dem giftigen Atem der Verwesung, mit Krankenausdünstungen.“
Il Decameron Di Messer Giovanni Boccacci, Florentiner Ausgabe von 1587, gemeinfrei
1679 war es nicht anders.
Die Pest versetzte jahrhundertelang Generationen in Angst und Schrecken und bedingte massive Einschnitte in die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen. An geregelte Arbeits- und Wirtschaftsabläufe war nicht mehr zu denken, Arbeitskräfte wurden knapp, die Preise für Gebrauchsgüter wie Tuch, Eisenwaren oder Salz stiegen, Inflation war die Folge. Man wusste morgens nicht, ob man abends noch leben würde. Das bewirkte ein Umdenken. Zünfte ermöglichten Personen, die früher keine Chance gehabt hätten, einen Handwerksberuf zu ergreifen, nachgeborene Söhne konnten durch die Entvölkerung auf dem Land einen eigenen Bauernhof erwerben, ärmeren Menschen boten sich soziale Aufstiegsmöglichkeiten.
Aufgrund von Personalknappheit und höherer Lohnkosten entstand ein Drang zur verstärkten Mechanisierung. Gerade das Spätmittelalter bzw. der Übergang in die frühe Neuzeit gelten heute als eine Epoche eindrucksvoller technischer Errungenschaften und bereiteten indirekt bereits die Industrielle Revolution vor. Darüber hinaus machten Menschen während der Pestzeiten oft traumatische Erfahrungen, und dies führte dazu, dass sie das Leben solange als möglich genießen wollten und sich etwas leisteten. Luxusprodukte boomten, Handel und Gewerbe erlebten einen neuen Auf- schwung ebenso die Handelsstädte.
Der österreichische Journalist und Schriftsteller Egon Friedell bezeichnete die Pest daher als Inkubationszeit der Neuzeit, in der Adel und Klerus an Macht verloren, Bürger und Handwerker aufstiegen und auch der Bauer an gesellschaftlichem Wert gewann.
Die Inszenierung des Todes
Paul de Sorbait starb am 24. April 1691 in Wien nicht an der Pest, sondern an einem Schlaganfall. Sein Testament, sein Epitaph in St. Stephan sowie die Leichenpredigt inszenieren ihn als Beispiel für ein gutes katholisches Leben und einen entsprechenden Tod.
In seinem Testament vom 10. Oktober 1686 erklärte Sorbait, im katholischen Glauben und im Vertrauen auf die Gnade Gottes zu sterben – eine durchaus übliche Testamentsformel. Bemerkenswert ist der Zusatz, dass er einen möglichen Abfall vom Glauben – sei es aus Kleinmütigkeit oder als Versuchung Satans – im Vorhinein widerrief. Ansonsten bedachte er verschiedene Kirchen in Wien, aber auch die Kirche in seiner Heimat Montbliart. Weitere Legate gingen an die Studenten der Kodrei Goldberg und namentlich genannte Personen. Den Großteil seines Vermögens vermachte er seiner Ehefrau als Haupterbin sowie seinen Geschwistern und deren Kindern.
In der vom Franziskanerpater Emerich Pfendtner gehaltenen Leichenpredigt nennt dieser Sorbait den „österreichischen Galenus“. Die Anspielung auf den antiken Arzt erfolgte wohl nicht zufällig: Auch Galenus war Seuchenarzt, Leibarzt und „Militärarzt“ (Gladiatoren).
Der Prediger geht auf diese Aspekte im Leben Sorbaits ein und belegt, dass dieser sein weltliches Dasein stets auf die Ewigkeit ausgerichtet und somit nach dem Motto der Predigt „Arzt, heile Dich selbst“ sich für die Ewigkeit geheilt habe.
Sorbait wurde nach seinem Wunsch auf dem Stephansfriedhof begraben. Sein Epitaph, das sich heute im Dom befindet und dessen Text wohl von Sorbait selbst verfasst worden ist – es finden sich deutliche Parallelen zum Matrikeleintrag der Leopoldina –, nennt ihn u.a. als ehemaligen Musiker, Redner, Arzt, Soldat, Hofmann und Rektor. In diesen Funktionen war er stets um ein gutes Leben bemüht, nun im Tod ist er trotz aller weltlichen Ehren ein Bettler und Nichts, der um Gebete der Vorbeikommenden bittet.
Nachleben
Im Gedächtnis der Universität verblieb Paul de Sorbait als Begründer einer Stipendien-
stiftung für zwei Studenten aus seiner Familie (oder, sollte sich niemand Geeigneter finden, aus den Niederlanden). Als Mediziner war er dagegen nicht präsent: Auf den 1893 errichteten Ehrentafeln der Fakultäten für die „berühmten Schüler der Universität“ findet er sich nicht. Allerdings sind hier generell nur Gelehrte des späten 18. und 19. Jahrhunderts verzeichnet.
Zur selben Zeit rückte sein Name als einer der Verteidiger Wiens 1683 gegen die Osmanen ins öffentliche Bewusstsein: Anlässlich des 200-Jahr- Jubiläums 1883 planten sowohl Kaiserhof und Regierung als auch die Stadt Wien die Errichtung von Denkmälern. Nach jahrelangem Streit wurde 1890 das von der Stadt finanzierte Liebenberg-Denkmal gegenüber der Universität enthüllt. Das von Hof, Regierung und Kirche propagierte „Türkenbefreiungsdenkmal“ im Stephansdom wurde erst 1894 fertiggestellt. Sorbait, der in den zeitgenössischen Berichten historisch nicht korrekt als damaliger Rektor bezeichnet wird, findet sich hier rechts neben dem Stadtkommandanten Ernst Rüdiger Graf Starhemberg. Das Denkmal wurde beim Brand des Domes 1945 zerstört.
Kurz vor der Denkmalenthüllung beschloss der Wiener Stadtrat am 18. Juli, den außerhalb des Gürtels liegenden Teil der Kandlgasse in „Sorbaitgasse“ umzubenennen. Zwar wird keine Begründung für die Umbenennung genannt, doch ist zu vermuten, dass auch die Stadt eher den Soldaten als den Mediziner Sorbait ehren wollte.
Die Anerkennung Sorbaits als eine der „bedeutendsten Persönlichkeiten der Wiener
Wissenschaft“ erfolgte anlässlich der Errichtung des Universitätscampus: 1998 wurde eines der „Tore der Erinnerung“ – der Durchgang von Hof 5 zum Institut für Hirnforschung – nach Paul de Sorbait benannt. Als privates Ehrungsbeispiel ist die 1960 gegründete Studentengilde im Österreichischen Pfadfinderbund „Paul de Sorbait“ zu nennen, die u.a. 1966 gemeinsam mit der dortigen Société d’Histoire eine Erinnerungsfeier samt Ausstellung in Sorbaits Geburtsort Montbliart veranstaltete.
Abschließend sei die Frage gestellt, wie man Sorbaits Leistungen in der Seuchenbekämpfung heute einordnen kann, da im 17. Jahrhundert Bakterien und Viren weder bekannt noch erforscht waren. Ungeachtet dessen haben Sorbaits Einschätzungen zu Maßnahmen wie Quarantäne, Social Distancing und Hygiene heute noch Gültigkeit.