Dekan Raphael Schulte bei seiner Rede anlässlich des Besuchs ungarischer Theologen in Wien, 21.10.1972
Dekan Raphael Schulte bei seiner Rede anlässlich des Besuchs ungarischer Theologen in Wien, 21.10.1972
Gotthard Schulte wurde am 26. April 1925 in Ahlen in Westfalen geboren, wo er auch die Grundschule und das städtische Realgymnasium besuchte. Nach dem Abitur 1943 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft begann er im Sommersemester 1946 ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität Münster. Im Oktober 1948 trat er in die Benediktinerabtei St. Joseph zu Gerleve bei Coesfeld ein, wo er den Ordensnamen Raphael annahm. 1950 legte er die Profess ab. Ab 1949 studierte er Philosophie und Theologie in Gerleve, von 1951 bis 1956 am Anselmianum (päpstliche Hochschule des Benediktinerordens Pontificum Athenaeum S. Anselmi) in Rom. 1954 wurde er zum Priester geweiht, 1955 zum Lizenziaten (Lic. Theol.) promoviert. 1957 erlangte er das theologische Doktorat mit der Dissertation „Die Messe als Opfer der Kirche. Die Lehre frühmittelalterlicher Autoren über das eucharistische Opfer“.
Nach dem Studium war Raphael Schulte von 1956 bis 1963 Dozent der Philosophie (Metaphysik, Naturphilosophie, Erkenntnislehre) in Gerleve. Daneben fungierte er auch als Novizenmeister und Organist. Der Pianist Paul Badura-Skoda berichtet im Vorwort zur Festschrift anlässlich des 70. Geburtstags Schultes, dass dieser seine Musik- und Orgelkenntnisse weitgehend autodidaktisch erworben hatte, und bereits als Novize ohne Vorkenntnisse in einem „Husarenstück“ eine Orgelreparatur übernommen hatte.
Im Oktober 1963 wurde Raphael Schulte als außerordentlicher Professor der Dogmatischen Theologie und Spirituelle Theologie sowie für Sakramententheologie an das Anselmianum berufen, ab 1968 war er dort ordentlicher Professor.
1971 wurde er als Professor für Dogmatische Theologie und Dogmengeschichte an die Universität Wien berufen. Im Studienjahr 1972/73 bekleidete er das Amt des Dekans der Katholisch-Theologischen Fakultät. Einen Ruf an die Universität Regensburg lehnte Schulte ab, er blieb bis zu seiner Emeritierung 1995 in Wien. Ab dem Wintersemester 1990/91 lehrte er für einige Semester an der Philosophisch-Theologischen Hochschule des Stiftes Heiligenkreuz Dogmatische Theologie. Neben seiner Lehrtätigkeit war er u.a. Mitglied der Theologischen Kommission der Österreichischen Bischofskonferenz, der Diözesankommission der Erzdiözese Wien für ökumenische Fragen oder der von der Bischofskonferenz und den evangelischen Kirchen gemeinsam besetzten Gemischten Kommission für Ökumene.
Nach seiner Emeritierung lebte Schulte zunächst in der Pfarre Pötzleinsdorf, 2004 kehrte er nach Gerleve zurück.
Als Theologe gehörte Raphael Schulte zu jener Generation, die die Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils systematisch aufnahmen, und die Engführungen der neuscholastischen Dogmatik überwunden hatten. Insbesondere sprach er sich für eine biblische Fundierung der Dogmatik aus: Die Auslegung der Schrift habe sich stets am Text zu orientieren und solle nicht auf Grundlage späterer Dogmen vorgenommen werden.