Die Gedenktafel zur Erinnerung an die während des Nationalsozialismus vertriebenen Angehörigen der Medizinischen Fakultät
60 Jahre nach dem Beginn der nationalsozialistischen Vertreibung von Lehrenden und Studierenden wurde 1998 eine Gedenktafel im Arkadenhof des Hauptgebäudes der Universität Wien errichtet, die der betroffenen Angehörigen der Medizinischen Fakultät gedenkt. Erstmals wurde hier neben den Lehrenden auch an die Studierenden erinnert, die in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt, vertrieben, ermordet wurden, und erstmals explizit die Mitverantwortung der Universität benannt.
Historischer Hintergrund: Vertreibung 1938–1945
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 wurden an der Universität Wien über 2.700 Professor*innen, Dozent*innen, Assistent*innen, Studierende und Mitarbeiter*innen der Verwaltung vertrieben. Die aufgrund ihres jüdischen Hintergrundes oder aus politischen Gründen missliebigen Personen im Lehrkörper wurden von den Universitätsbehörden systematisch erfasst und ausgeschlossen. Besonders groß war das Ausmaß der Vertreibungen an der Medizinischen Fakultät: Nach derzeitigem Stand der Forschung wurden mehr als die Hälfte aller Professor*innen und Dozent*innen (rund 175) sowie rund 70 Assistent*innen, Hilfsärzt*innen und Demonstrator*innen von ihrer Position enthoben und über 1.000 Studierende vom Studium ausgeschlossen. Der größte Teil der Betroffenen musste in der Folge emigrieren oder wurde in Konzentrationslagern o.ä. ermordet oder in den Suizid getrieben. Die Namen der betroffenen Personen sind bis heute nicht lückenlos bekannt (zum aktuellen Forschungsstand siehe das Online-Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938).
Verspätete Aufarbeitung
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Involvierung der Universität Wien in den Nationalsozialismus zunächst nicht grundlegend aufgearbeitet. Erst in den 1980er-Jahren begann an der Universität Wien die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus an der eigenen Institution. Zu den wichtigen frühen Initiativen zählte die Ringvorlesung „Die Universität Wien 1938–1945“ (1988), die auch einen Beitrag zur Situation an der Medizinischen Fakultät des Medizinhistorikers Michael Hubenstorf enthielt. Zu ihrem 625. Gründungsjubiläum veröffentlichte die Universität Wien 1990 mit der Broschüre „Vertriebene Intelligenz“ von Universitätsarchivar Kurt Mühlberger erstmals ein zentrales Werk zur Benennung der vertriebenen Lehrenden 1938. Auf Initiative amerikanischer und kanadischer Wissenschafter*innen wie der israelischen Gedenkorganisation Yad Vashem wurde1995 mit der Untersuchung des international renommierten anatomisch-topografische Atlas des Anatomieprofessors und Nationalsozialisten Eduard Pernkopf begonnen, um zu klären, ob die Leichen von Opfern des NS-Regimes als Vorlage für dessen Bilder anatomische Zeichnungen gedient hatten.
Vorgeschichte: Internationaler Medizinerkongress in Wien
1994 fiel die Entscheidung, dass der alle vier Jahre stattfindende (11.) Weltkongress für Gastroenterologie, eine der führenden wissenschaftlichen Veranstaltungen auf diesem Gebiet, mit tausenden Teilnehmer*innen 1998 in Wien stattfinden werde.
Im Mai 1995 veröffentliche der zuvor an der Universität Wien und nun an der Universität Exeter tätige Medizinprofessor Edzard Ernst den Artikel „A Leading Medical School Seriously Damaged: Vienna 1938“ in den renommierten „Annals of Internal Medicine“. Darin beschrieb er die Massenvertreibung an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien während des Nationalsozialismus, ging auf die langfristigen Folgen für die Qualität der medizinischen Forschung und die kaum stattgefundene Aufarbeitung ein. Der Artikel erlangte breite internationale Aufmerksamkeit.
Wenige Monate später wandte sich Leslie H. Bernstein, Chairman des Ethics commitees des American College of Gastroenterology, an das österreichische Organisationskomitee des Weltkongresses um dessen Präsidenten, den Grazer Medizinprofessor Günter Josef Krejs. Bernstein äußerte die Besorgnis seines Colleges, ob Wien angesichts der kaum aufgearbeiteten NS-Geschichte, die Edzard Ernst in seinem Artikel nachgezeichnet hatte, als geeigneter Tagungsort für den geplanten internationalen Kongress unterstützt werden könne. Er richtete einige inhaltliche Fragen an Krejs, die u.a. den Umgang mit den aus Österreich vertriebenen Nobelpreisträgern, mit NS-Tätern innerhalb der Wiener Medizinischen Fakultät sowie mit den anatomischen Präparaten von NS-Opfern betrafen. Nicht zuletzt fragte er, was unternommen wurde, um die Vertriebenen der Fakultät zu ehren.
Im Namen der Organisator*innen antworteten Georg Stacher und Günther Josef Krejs im Jänner 1996, dass sein Brief umfassende Diskussionen und Aktivitäten ausgelöst hatte. Sie bekannten, dass Österreich seine NS-Geschichte zu spät und noch zu wenig aufgearbeitet habe, und versicherten, dass die heutigen Vertreter der Wiener Fakultät ebenso wie jene des Organisationskomitees eine klare Position zu den Verbrechen des NS und zur Bedeutung einer grundlegenden Aufarbeitung bezogen. Um diese Aufarbeitung zu fördern, habe Rektor Alfred Ebenbauer die Erforschung der Geschichte der Medizinischen Fakultät durch das Institut für neuere Geschichte der Universität Wien beauftragt. Zudem kündigte Krejs an, dass sich ein eigenes Symposium vor Beginn des Weltkongresses der Geschichte der Medizinischen Fakultät während des NS-Regimes widmen werde. Da bisher nichts unternommen worden war, um die Vertriebenen zu ehren, kündigte Krejs zudem an:
„Furthermore, we are also considering the installation of a memorial under the arcades in the inner courtyard of the main building of the University of Vienna on the Ringstrasse where the busts of Sigmund Freud and other famous Viennese physicians and scientist are located.”
Entstehung und Errichtung der Gedenktafel
Die Idee eines sichtbaren und bleibenden Zeichens des Gedenkens an die vertriebenen Mediziner*innen im Arkadenhof wurde von der Gruppe um Günther Krejs weiterverfolgt. Doch erst zwei Jahre später, am 3. Juni 1997, trug er die Angelegenheit offiziell an die Universität Wien heran. Er beantragte beim Dekan der Medizinischen Fakultät, Wolfgang Schütz, die Umsetzung eines bereits konkreten Entwurfs:
„In diesem Antrag ersuche ich im Namen des Local Host Committees für den 11. Weltkongreß für Gastroenterologie an einer der Säulen in der Mitte des Säulenganges im Arkadenhof (siehe Beilage 5) eine Tafel anbringen zu können, die vom bekannten Kremser Künstler, Mag. Günter Wolfsberger, gestaltet wurde (siehe Beilage 6).“
Neben den bereits fixierten Vorschlägen für Gestaltung und Anbringungsort der Gedenktafel, übermittelte Krejs auch einen ersten Vorschlag für den Text der Inschrift, der konkret „220 Mitglieder der Medizinischen Fakultät, die im März 1938 aus ‚rassischen Gründen‘ entlassen wurden“ nannte. Die Österreichische Gesellschaft für Innere Medizin sollte die Kosten übernehmen und neben der Fakultät als Stifter genannt werden.
Das Fakultätskollegium befürwortete den Antrag am 25. Juni 1997 einstimmig, allerdings mit Modifizierungen betreffend Anbringungsort und Formulierung der Inschrift: Die Gedenktafel müsste nicht unbedingt im Arkadenhof aufgestellt werden, stattdessen könne der Senat auch einen anderen Ort im Hauptgebäude auswählen. Die Kosten für Aufstellung werde die Medizinische Fakultät übernehmen, daher sollte sie auch als alleiniger Stifter der Tafel genannt werden. Zudem wurde eine Textänderung empfohlen, die nun von – nicht bezifferten – „Angehörigen der Medizinischen Fakultät, die im März 1938 und unmittelbar danach aus ‚rassistischen Gründen‘ vertrieben wurden“ sprach. Schütz übermittelte den Antrag an Rektor Ebenbauer mit der Bitte, diesen in der nächsten Senatssitzung zu behandeln: „Diese Vollziehung würde für die Medizinische Fakultät und die Universität Wien ein Akt hoher Reputation sein.“
Die Kunstkommission des Senats (anwesende Mitglieder: Wolfgang Greisenegger, Gustav Reingrabner, Friedrich Brein, Wilhelm Brandstätter) beriet über den Antrag am 16. Oktober 1997:
„Die Kunstkommission schlägt nach gründlicher Besichtigung dem Akademischen Senat als Anbringungsort den Pfeiler zwischen den zwei Säulen rechts in der Mitte des Ganges zum Medizinischen Dekanat vor. […] Im Arkadenhof sollten nur zu ehrende Personen aufgrund ihrer wissenschaftlichen Leistungen aufgestellt werden. […] Abgeklärt sollte noch werden, ob die Inschrift sich nur auf rassisch vertriebene Mediziner bezieht, oder ob auch aus politischen Gründen Vertriebene einbezogen werden sollten.“
Dem Vorschlag der Kunstkommission entsprechend beschloss der Senat am selben Tag einstimmig, den Antrag anzunehmen. Der Text sollte jedoch noch in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Fakultät neu überarbeitet werden. Dekan Schütz teilte den positiven Beschluss dem Initiator Günther Krejs am 10. November 1997 mit und bat ihn um Kontaktaufnahme mit dem Künstler Günter Wolfsberger zwecks Kostenvoranschlags und Standortbesichtigung. Zudem übermittelte er einen neuen Textvorschlag, der auf Basis der Publikation „Vertriebene Intelligenz“ von Kurt Mühlberger nun „172 Mitglieder der Medizinischen Fakultät, die im März 1938 und unmittelbar danach aus rassischenoder politischen Gründen vertrieben wurden“ nannte.
Der Wortlaut stieß wiederum bei den Initiatoren Krejs und Stacher sowie namhaften Historikern wie Gernot Heiss, Karl Holubar und Michael Hubenstorf auf Widerspruch, wie diese in einem Brief vom 9. Dezember 1997 dem Dekan mitteilten: Die genannte Zahl der 172 (namentlich belegten) Personen berücksichtige nicht-habilitierte Wissenschafter*innen und Studierende ebensowenig wie Personen, die vor oder nach 1938 ihre Tätigkeit beenden hatten müssen. Ein neuer Textvorschlag umging alle diese Formalprobleme:
„In Erinnerung an die Lehrenden und in Ausbildung Stehenden der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, die in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft aus „rassischen“ und politischen Gründen verfolgt, vertrieben, ermordet wurden. Eingedenk der Mitverantwortung gewidmet von der Medizinischen Fakultät, 1998“
Dieser Fassung, die nun erstmals auch Assistent*innen und Studierende miteinbezog und die Mitverantwortung der Fakultät benannte, stimmten schließlich alle anderen Beteiligten zu.
Erst wenige Tage vor der Enthüllung am 6. September 1998 (im Vorfeld des Weltkongresses) kam es letztlich noch zu einer Änderung hinsichtlich des Anbringungsortes. Am 3. September 1998 gab Rektor Ebenbauer dem Universitätsdirektor Skacel „die Weisung in Abweichung vom Senatsbeschluß die Tafel der Medizinischen Fakultät zum Gedenken an die Opfer des NS-Regimes an der ursprünglich vorgesehenen Stelle im Arkadenhof anzubringen“. Diese Vorgehensweise eines Rektors entgegen einem gültigen Senatsbeschluss ist äußert ungewöhnlich, eine Begründung vonseiten des Rektors ist nicht überliefert.
Künstlerische Gestaltung
Der Künstler Günter Wolfsberger gestaltete die Bronzetafel mit einem Raster aus Quadraten, von denen einige gefüllt sind und als Relief hervortreten, andere leer gehalten sind und den Durchblick auf die dahinterliegende Steinwand ermöglichen. Die offenen Quadrate symbolisieren die Abwesenheit der vertriebenen, verfolgten und ermordeten Angehörigen der Medizinischen Fakultät, die eine Lücke in der Fakultät und im Leben hinterlassen haben. Die Hohlräume können auch als Nischen in einer Urnenwand interpretiert werden, in Erinnerung an jene Vertriebene, die durch die Nationalsozialisten zu Tode gebracht wurden. Im Arkadenhof ist diese Tafel das einzige Denkmal, das einer Gruppe von nicht namentlich genannten Personen gewidmet ist. Neben der Gedenktafel für Marie Ebner-Eschenbach die einzige Tafel, die kein Porträt einer Person umfasst.
Nachgeschichte: Gedenken und Aufarbeitung an der Medizinischen Fakultät/Universität um die Jahrtausendwende
Die Enthüllung der Gedenktafel im Arkadenhof wurde von zahlreichen Aufarbeitungsaktivitäten begleitet. Im Jänner 1998 fand das erste internationale Symposium zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien auf der Baumgartner Höhe statt. Im März 1998 – 60 Jahre nach dem „Anschluss“ – veranstaltete die Medizinische Fakultät am AKH ein Gedenksymposium für die vertriebenen Lehrenden und Studierenden-(„The Vienna Medical School 1938–1945: Expulsion and Persecution“). Am Tag der Enthüllung, 6. September 1998, fand im Rahmen des Weltkongresses das Symposium „A Period of Darkness – The University of Vienna’s Medical School and the Nazi Regime” statt. 1998 erfolgte auch die Präsentation der Ergebnisse des Senats-Forschungsprojekts „Die anatomischen Wissenschaften an der Universität Wien 1938–1945“, das ausgehend vom „Pernkopf-Atlas“ in einjähriger Arbeit die Rolle der Medizinischen Fakultät und besonders der anatomischen Wissenschaft in der NS-Zeit untersucht hatte, sämtliche medizinischen Institute auf das mögliche Vorhandensein von sterblichen Überresten von Opfern der NS-Justiz überprüft und Herkunft und Verbleib der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Leichen erforscht hatte. Hinzu kamen verschiedene Lehrveranstaltungen für Medizinstudierende zum Themenbereich Nationalsozialismus und Medizin. Nicht zuletzt sorgte eine neugeschaffene Professur am Institut für Geschichte der Medizin, auf die 2001 Michael Hubenstorf berufen wurde, für eine kontinuierliche langfristige Aufarbeitung, die auch nach der Ausgliederung der Medizinischen Fakultät und Transformation zur neuen Medizinischen Universität Wien 2002/2004 fortgesetzt wurde.
Zehn Jahre nach der Enthüllung der Gedenktafel setzte die Medizinische Universität an ihrem neuen Standort ein neues Zeichen des Gedenkens: Vor dem Rektoratsgebäude in der Spitalgasse wurde am 12. März 2008 ein von Dvora Barzilai gestaltetes „Mahnmal gegen das Vergessen“ enthüllt, das an die vertriebenen Lehrenden und Studierenden der einstigen Medizinischen Fakultät erinnert. An diesem Mahnmal findet seither jedes Jahr am 12. März eine Gedenkstunde statt. Flankiert wurde es im November 2008 vom „Brunnen der Vertriebenen 1938“, der die Namen von 87 NS-vertriebenen Lehrenden der Medizin nennt. Die Universitätsbibliothek dokumentiert seit 2008 in der Blogserie „Vertrieben 1938“ die Schicksale entlassener Lehrender.
Das 2009 an der Universität Wien präsentierte „Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938“, das als „work in Progress“ laufend bearbeitet und erweitert wird, beinhaltet auch die Namen der vertriebenen Lehrenden und Studierenden der einstigen Medizinischen Fakultät.
Im Jahr 2018 wurde im Josephinum die Ausstellung „Die Wiener Medizinische Fakultät 1938 bis 1945“ gezeigt, die die Vertreibung 1938 in einem großen Kontext thematisiert, einschließlich ihrer Vor- und Nachgeschichte, der Involvierung von Universitätsmitgliedern sowie der ideologischen Veränderung des Medizinstudiums im NS bis hin zu Medizinverbrechen.
Siehe auch
> u:monuments: Gedenktafel zur Erinnerung an 1938-1945 vertriebene Angehörige der Medizinischen Fakultät (abgerufen am 02.10.2026)
Autor*innen
Katharina Kniefacz
Zuletzt aktualisiert
05.10.2026
Versionierter Zitationslink
https://geschichte-v2026.visuelles.xyz/de/node/46904/revisions/46904/view
Archiv der Universität Wien, S 222.68 (Rektorat, GZ 6 ex 1985/86).