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Schreyvogel, Joseph

27.03.1768–28.07.1832

geb. Wien, Österreich
gest. Wien, Österreich

Joseph Schreyvogel (1768–1832),
Ehrung Titel Fakultät Datierung
Raumbenennung Schreyvogelsaal Philosophische Fakultät 1943

Im Jahr 1943, bei der Gründung des Instituts für Theaterwissenschaft der Universität im Nationalsozialismus durch Heinz Kindermann, wurde einer der Seminarräume in den Räumlichkeiten des Instituts in der Hofburg nach ihm Joseph Schreyvogel Saal benannt. Dieser diente anfangs als Ausstellungsraum, von 1947 bis 1968 und seit 1991 wieder als Lehrveranstaltungsraum. Vermutungen, dass Kindermann damit implizit auch den Urgroßneffen und Schriftsteller Friedrich Schreyvogel, der illegales NSDAP-Mitglied war, mitehren wollte, haben sich bisher nicht erhärtet.
 

Joseph Schreyvogel (1768–1832),
Joseph Schreyvogel (1768–1832),

Schriftsteller, Chefdramaturg des Burgtheaters

Der 1768 in Wien geborene Joseph Schreyvogel entstammte einer wohlhabenden Tischler- und Holzhändlerfamilie, absolvierte das Piaristengymnasium und anschließend das dreijährige Grundstudium an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien. In Auseinandersetzung mit den Schriften Immanuel Kants veröffentlichte er philosophisch-politische Aufsätze in der „Wiener Zeitschrift“ und in der „Österreichischen Monatsschrift“. Den Vorwürfen, mit der Französischen Revolution zu sympathisieren und jakobinische Umsturzpläne zu befürworten, entzog er sich durch einen Wechsel nach Jena und Weimar 1794, wo er sich der deutschen Klassik widmete, Prosa und Lustspiele verfasste und publizierte.

1796 nach Wien zurückgekehrt entwarf er eine Reform der „Wiener Zeitung“, die aber abgelehnt wurde. Er gründete die Zeitschrift „Das Sonntagsblatt“, die im damaligen Spannungsfeld zwischen Aufklärung, Klassik und Romantik eine klar anti-romantische Position bezog.

Schreyvogel wurde 1802 als Nachfolger von August von Kotzebue Sekretär an das Burgtheater berufen (bis 1804). Er beteiligte sich mit dem von seinem Vater ererbten Vermögen ab 1802 am Kunst- und Industrie-Comptoir[KK1]  (ein kurzlebiger, aber bedeutender Verlag für Musik und Kartenwerke), verlor dabei aber 1813 sein gesamtes Vermögen und wurde nach dem darauffolgenden Nervenzusammenbruch kurzfristig besachwaltet.

Bereits 1814 stieg er aber zum Dramaturgen und Präsidialsekretär der k. k. Hoftheater auf, wo er seine künstlerischen Vorstellungen umsetzen konnte. Schreyvogel brachte Werke der deutschen Klassiker ebenso auf die Bühne des Burgtheaters wie jene Shakespeares, Calderons und Lope de Vegas, vor allem aber auch jene des von ihm geförderten Franz Grillparzer. Mit guter Stück- und Schauspieler*innenauswahl führte er das Burgtheater auf hohes künstlerisches Niveau. Er verfasste und publizierte daneben weiterhin Novellen

Kurz nach seiner konflikthaften Pensionierung starb Schreyvogel 1832 an der Cholera.

Ehrungen

Er erhielt ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32 A, Nummer 45).

1885 wurde von der Stadt Wien die Schreyvogelgasse in Wien 1 nach ihm benannt, die seither, von der Teinfaltstraße kommend und der Mölkerbastei entlang, direkt auf die Ringstraße und das damals gerade eröffnete Hauptgebäude der Universität Wien zuläuft.

Im Jahr 1943, bei der Gründung des Instituts für Theaterwissenschaft der Universität im Nationalsozialismus durch Heinz Kindermann, wurde einer der Seminarräume in den Räumlichkeiten des Instituts in der Hofburg nach ihm Joseph Schreyvogel Saal benannt. Dieser diente anfangs als Ausstellungsraum, von 1947 bis 1968 und seit 1991 wieder als Lehrveranstaltungsraum. Vermutungen, dass Kindermann damit implizit auch den Urgroßneffen und Schriftsteller Friedrich Schreyvogel, der illegales NSDAP-Mitglied war, mitehren wollte, haben sich bisher nicht erhärtet.
Das Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, das sich mit seiner Entstehungsgeschichte im Nationalsozialismus lebendig auseinandersetzt, thematisiert auch die damals entstandene und bis heute aufrechte Raumbezeichnung aus der nationalsozialistischen Gründungsphase kritisch und differenziert:

„Nun kann tatsächlich Joseph Schreyvogel nichts für die Vereinnahmung durch Kindermann, aber darum geht es auch nicht. Vielmehr wäre es nötig offenzulegen, dass Kindermann den Hörsaal 1943 so benannte, weil er mit Schreyvogel eine ideologische Imagination verband, den er als Proponenten eines deutschen Nationaltheaters interpretierte. Dieses Bild zurechtzurücken um damit auch klarzumachen, warum der Schreyvogelhörsaal noch immer so heißt, das wäre eine Forderung, die sich aus der Debatte ergeben sollte.“ (Illmayer 2009, 43f.)

Als Kindermann nach zehn Jahren Zwangspause wegen seiner NS-Belastung 1954 wieder als Professor für Theaterwissenschaft an der Universität Wien berufen wurde, sollte seine Antrittsvorlesung am 26. April 1954 in diesem Saal stattfinden. Sie musste aufgrund der Proteste gegen seine Wiederberufung einige Tage verschoben werden, fand letztendlich doch am geplanten Ort statt.

Werke (Auswahl)

Das Leben ein Traum. 1820

Donna Diana. 1819

Don Gutierre. 1834

Links:

> Wien Geschichte Wiki (abgerufen am 9.3.2025)
> Wikipedia (abgerufen am 9.3.2025)
> Wienbibliothek Digital: Joseph Schreyvogel (abgerufen am 9.3.2025)
> Wienbibliothek im Rathaus: Teilnachlass Joseph Schreyvogel (abgerufen am 9.3.2025)

Autor*innen

Herbert Posch

Zuletzt aktualisiert

02.09.2026

Versionierter Zitationslink

https://geschichte-v2026.visuelles.xyz/de/node/28966/revisions/35602/view

Literatur und gedruckte Quellen

Herbert Zeman, Literaturgeschichte Österreichs von den Anfängen im Mittelalter bis zur Gegenwart. 2. überarbeitete und aktualisierte Auflage. (Freiburg im Breisgau / Berlin / Wien 2014).
Manfred Chobot, Joseph Schreyvogel. In: Straßen des vergänglichen Ruhms. Dichter auf dem Wiener Stadtplan, herausgegeben von Beppo Beyerl, Manfred Chobot, 164-171 (Wien 2014).
Walter Illmayer, Institutsgeschichte. In: Theaterwissenschaft und Postnazismus Reader, herausgegeben von ÖH|Universität Wien, 41-45 (Wien 2009), online unter https://phaidra.univie.ac.at/detail/o:1653638.
Birgit Peter, Martina Payr, „Wissenschaft nach der Mode“? Die Gründung des Zentralinstituts für Theaterwissenschaft an der Universität Wien 1943 (Wien and Münster 2008).
Paul M. Delavos, Caroline Herfert, „Alltagsgeschäft“. Daten und Fakten zur Gründung des Zentralinstituts für Theaterwissenschaft. In: "Wissenschaft nach der Mode" Die Gründung des Zentralinstituts für Theaterwissenschaft an der Universität Wien 1943, herausgegeben von Birgit Peter, Martina Payr, 52-75 (Wien 2008).
Claudia Mayerhofer, Gerald Tschank, Martina Payr, Chronolgie des Instituts für Theaterwissenschaft 1943-1955. In: Wissenschaft nach der Mode? Die Gründung des Zentralinstituts für Theaterwissenschaft an der Universität Wien 1943, herausgegeben von Birgit Peter, 244-258 (Wien 2008).
E. Buxbaum, Schreyvogel Joseph. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL), 11:224-225 (Wien 1997), online unter https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_S/Schreyvogel_Joseph_1768_1832….
Elisabeth Buxbaum, Joseph Schreyvogel. Der Aufklärer im Beamtenrock. Literarhistorische Studien 10 (Wien 1995).
Heinz Kindermann, Schreyvogel und das Deutsche Nationaltheater. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Wiener Theaterforschung, 23-40 (Wien 1944).
Eduard Castle, Schreyvogel, Joseph. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB), 54:186–216 (Leipzig 1908).
Karl Glossy, Joseph Schreyvogel (Wien 1903).
Constantin Wurzbach, Schreyvogel, Joseph. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, 31:292–298 (Wien 1876).

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