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650 plus – Geschichte der Universität Wien

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Abel, Othenio

o. Univ.-Prof. Dr.

20.06.1875–04.07.1946

geb. Wien, Österreich
gest. Mondsee, Österreich

Othenio Abel (1875–1946), Paläoontologie, Paläobiologie
Ehrung Titel Fakultät Datierung
Raumbenennung Seminarraum Othenio Abel Formal- und Naturwissenschaftliche Fakultät 1995 (aufgehoben 2013)

Als das „Geozentrum“ im Universitätszentrum Althanstraße bezogen wurde, wurde u.a. auch in den 1990er-Jahren – der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt – ein Hörsaal im Institut für Paläobotanik nach dem Disziplinengründer „Seminarraum Othenio Abel“ benannt aufgrund dessen wichtiger Rolle bei der Etablierung des Faches. Sein nationalistisches Engagement wurde nicht kritisch betrachtet bzw. stand der Ehrung damals zumindest nicht im Wege. Der Raum wurde vor Ort, auf allen Orientierungstafeln des Areals und in den Vorlesungsverzeichnissen ausgewiesen. Erst die erstaunte Facebook-Anfrage, warum im 21. Jahrhundert ein führender illegaler Nationalsozialist der 1930er-Jahre an der Universität Wien geehrt wurde, führte zur raschen Entfernung dieser ehrenden Bezeichnung, die auf Instituts- bzw. Fakultätsebene getroffen wurde, ohne Senat oder Rektorat einzubinden.

Ehrensenator*in sen.h.c. Philosophische Fakultät 1940/41 (aufgehoben 1945)

Othenio Abel wurde am 17. Jänner 1941 zum Ehrensenator der Universität Wien ernannt „als Anerkennung dafür, daß er als Begründer der Paläobiologie für die lebensgeschichtliche Forschung und Lehre neue Wege gewiesen und als akademischer Lehrer, als Dekan und als Rektor den deutschen Charakter der Universität und die völkischen Interessen der Studenten unter den schwierigsten Verhältnissen stets mannhaft und unerschrocken verteidigt hat.“ (Wortlaut Diplom).
Die Ehrung wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Sitzung das Akademischen Senats vom 19. Mai 1945 aus rein formalen Gründen umgehend aufgehoben, da die Würdigung „Ehrensenator“ im Nationalsozialismus neu eingeführt worden war und „die österreichischen Bestimmungen die Ernennung von Ehrensenatoren nicht vorgesehen haben“. Das zuständige Staatsamt stimmte zu. Der Beschluss wurde nie veröffentlicht, Othenio Abel darüber explizit nicht informiert und auch das Ehrendiplom wurde von ihm nicht, wie sonst üblich, zurückgefordert.

Die Ehrung wird 2022/23 aufgrund von Othenio Abels Antisemitismus und seiner Involvierung in den Nationalsozialismus als „problematisch“ eingestuft. Othenio Abel war ein bekennender Antisemit und ein zentraler Vorkämpfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien. In informellen Netzwerken ("Bärenhöhle" und Deutscher Klub) wie auch in offiziellen Funktionen - 1927/28 als Dekan der Philosophischen Fakultät sowie 1932/33 Rektor – gestaltete er das antisemitische Klima an der Universität Wien in den 1920er- und 1930er-Jahren entscheidend mit, das sich sowohl in der Verhinderung jüdischer, linker oder liberaler WissenschafterInnen zeigte, aber auch in der offenen Unterstützung gewalttätiger Ausschreitungen deutschnationaler und nationalsozialistischer Studierender gegen jüdische und linke Studierende.

Funktion Zeitraum Fakultät
Dekan*in 1927/28 Philosophische Fakultät
Rektor 1932/33 Philosophische Fakultät
Othenio Abel (1875–1946), Paläoontologie, Paläobiologie
Othenio Abel (1875–1946), Paläoontologie, Paläobiologie
Othenio Abel (1875–1946), Paläontologie Paläobiologie, Rektor 1932/33
Othenio Abel (1875–1946), Paläontologie Paläobiologie, Rektor 1932/33
Othenio Abel (1875–1946), Rektor 1932/33
Othenio Abel (1875–1946), Rektor 1932/33

Paläobiologie

Othenio Abel war der Sohn eines Gartenarchitekten und Privatdozenten an der Hochschule für Bodenkultur. Er begann ein rechtswissenschaftliches Studium an der Universität Wien, wechselte jedoch schon bald zu naturwissenschaftlichen Fächern (Geologie, Botanik). Nach der Promotion zum Dr. phil. im Jahr 1899 war er hauptberuflich an der K.k. Geologischen Reichsanstalt tätig. Er erhielt 1904 einen Lehrauftrag an der Universität Wien und 1907 ein Extraordinariat für Paläontologie.

Gemeinsam mit Louis Dollo begründete Abel die Disziplin Paläobiologie, indem sie Lebensweise und Umwelt der fossilen Organismen rekonstruierten. Abel konnte außerdem wichtige Fortschritte bei deren Etablierung als selbständige Wissenschaft an der Universität Wien erreichen (o. Prof. 1917, Gründung des Paläobiologischen Instituts 1924) und war 1920-24 Präsident der Paläontologischen Gesellschaft. Abel wurde auch als Erforscher der Bärenhöhle bei Mixnitz in der Steiermark bekannt und gab im Rahmen seiner publizistischen Tätigkeit die Werke „Wien, sein Boden und seine Geschichte“ (1924) sowie „Grundzüge der Paläobiologie der Wirbeltiere“ heraus. Er begründete die Zeitschrift „Paläobiologica“ (insg. 280 Publikationen, darunter 20 Monografien). Abel wirkte als Volksbildner und Organisator der Wiener Universitätsreisen. Für seine wissenschaftliche Tätigkeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, Ehrendoktorate (Kapstadt, Athen) und Mitgliedschaften bei Akademien.

Othenio Abel war ein bekennender Antisemit und ein zentraler Vorkämpfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien. In inoffiziellen Netzwerken ("Bärenhöhle" und Deutscher Klub) wie auch in offiziellen Funktionen – 1927/28 als Dekan der Philosophischen Fakultät sowie 1932/33 Rektor – gestaltete er das antisemitische Klima an der Universität Wien in den 1920er- und 1930er-Jahren entscheidend mit, das sich sowohl in der Verhinderung jüdischer, linker oder liberaler Wissenschafter*innen zeigte, aber auch in der offenen Unterstützung gewalttätiger Ausschreitungen deutschnationaler Studierender gegen jüdische und linke Studierende.

Während des Austrofaschismus wurde Othenio Abel als überzeugter Nationalsozialist entlassen (Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand), im Nationalsozialismus dafür geehrt: Am 17. Jänner 1941 wurde Othenio Abel gemeinsam mit fünf weiteren ehemaligen Professoren der Universität – Wenzel Gleispach, Karl Gottfried Hugelmann, Max Layer, Fritz Machatschek und Hans Uebersberger zum Ehrensenator der Universität Wien ernannt. Die Ehrungsform des „Ehrensenators“ war infolge des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich durch die Übernahme der deutschen Hochschulgesetze eingeführt worden und wurde während des Nationalsozialismus an insgesamt sieben Personen verliehen. Als Begründung von Abels Ehrung wurde auf seinem Diplom angegeben:

"als Anerkennung dafür, daß er als Begründer der Paläobiologie für die lebensgeschichtliche Forschung und Lehre neue Wege gewiesen und als akademischer Lehrer, als Dekan und als Rektor den deutschen Charakter der Universität und die völkischen Interessen der Studenten unter den schwierigsten Verhältnissen stets mannhaft und unerschrocken verteidigt hat."

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschloss der Senat der Universität Wien in seiner Sitzung vom 19. Mai 1945 diese Ernennungen nicht aus inhaltlichen, sondern aus rein formalen aufzuheben, da „die österreichischen Bestimmungen die Ernennung von Ehrensenatoren nicht vorgesehen haben“. Das Unterrichtsamt wurde verständigt und stimmte dem Antrag zu, die Träger der aufgehobenen Ehrensenatorentitel wurden jedoch nicht benachrichtigt.

Dem Wunsch des Instituts 1973/74, ihm eine Büste im Arkadenhof zu errichten, wurde nicht entsprochen. Der seit 1985 von der Akademie der Wissenschaften verliehene Othenio-Abel-Preis ist seit 2012 nicht mehr nach ihm benannt und auch ein nach ihm benannter Hörsaal im Geozentrum der Universität Wien (UZA II) wurde umbenannt.

Archiv der Universität Wien, Rektorat GZ 1132 ex 1937/38, GZ 902 ex 1938/39, GZ 464 ex 1944/45

Autor*innen

Katharina Kniefacz, Herbert Posch

Zuletzt aktualisiert

10.09.2026

Versionierter Zitationslink

https://geschichte-v2026.visuelles.xyz/de/node/28/revisions/33705/view

Literatur und gedruckte Quellen

Klaus Taschwer, Der Inkor-Rektor. Eine kurze politische Biografie des Paläontologen Othenio Abel (1875–1946) unter besonderer Berücksichtigung seines Wirkens an der Universität Wien, online unter http://www.academia.edu/6918847/Der_Inkor-Rektor._Eine_kurze_politische….
Klaus Taschwer, Geheimsache Bärenhöhle. Wie ein antisemitisches Professorenkartell der Universität Wien nach 1918 jüdische und linke Forscherinnen und Forscher vertrieb. In: Alma mater antisemitica (Wien 2015), online unter https://www.academia.edu/4258095.
Klaus Taschwer, Othenio Abel. Paläontologe, antisemitischer Fakultäts- und Universitätspolitiker. In: Universität – Politik – Gesellschaft, herausgegeben von Mitchell G. Ash, Josef Ehmer, 287-292 (Göttingen 2015), online unter http://www.vr-elibrary.de/doi/pdf/10.14220/9783737004138.287.
Klaus Taschwer, Hochburg des Antisemitismus. Der Niedergang der Universität Wien im 20. Jahrhundert (Wien 2015).
Kamila Staudigl-Ciechowicz, Exkurs: Akademischer Antisemitismus. In: Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938, herausgegeben von Thomas Olechowski, Tamara Ehs, Kamila Staudigl-Ciechowicz, 67-72 (Göttingen 2014).
Matthias Svojtka, Das botanische Frühwerk des Paläobiologen Othenio Abel (1875–1946): Persönliche Netzwerke und fachliche Prädisposition. Berichte der Geologischen Bundesanstalt 89 (2011) (2011), online unter https://www.zobodat.at/pdf/BerichteGeolBundesanstalt_89_0052-0066.pdf.
Herbert Posch, Akademische „Würde“. Aberkennungen und Wiederverleihungen akademischer Grade an der Universität Wien im 19. und 20. Jahrhundert, ungedr. phil. Diss. Univ. Wien (Wien 2009).
Stefan Khittel, Von der „Paläobiologie“ zum „biologischen Trägheitsgesetz“. Herausbildung eines neuen paläontologischen Denkstils bei Othenio Abel 1907–1934 (Frankfurt am Main 2005).
Kurt Ehrenberg, Othenio Abels Lebensweg: unter Benützung autobiographischer Aufzeichnungen (Wien 1975).

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