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Lorenz, Ottokar

o. Univ.-Prof. Dr. phil. h.c.

17.09.1832–13.05.1904

geb. Iglau, Mähren | Jihlava, Tschechien
gest. Jena, Deutschland

Ottokar Lorenz (1832–1904), Geschichte

Funktion Zeitraum Fakultät
Dekan*in 1867/68 Philosophische Fakultät
Rektor 1880/81 Philosophische Fakultät
Ottokar Lorenz (1832–1904), Geschichte
Ottokar Lorenz (1832–1904), Geschichte
Karikatur von Ottokar Lorenz (1832–1904): „Im grossen, warmen Nest“
Karikatur von Ottokar Lorenz (1832–1904): „Im grossen, warmen Nest“
Leitartikel von Ottokar Lorenz, in „Die Presse“, vom 14. März 1865
Leitartikel von Ottokar Lorenz, in „Die Presse“, vom 14. März 1865
„Preßprozess der ‚Presse‘“, Zeitungsartikel in „Konstitutionelle Volks-Zeitung“ vom 9. Mai 1865
„Preßprozess der ‚Presse‘“, Zeitungsartikel in „Konstitutionelle Volks-Zeitung“ vom 9. Mai 1865
„Preßprozeß der alten ‚Presse‘“, Zeitungsartikel in „Neues Fremdenblatt“ vom 24. Mai 1865
„Preßprozeß der alten ‚Presse‘“, Zeitungsartikel in „Neues Fremdenblatt“ vom 24. Mai 1865
„Einstellung eines Preßprozesses“, Zeitungsartikel in „Neues Fremdenblatt“ vom 7. Juli 1865
„Einstellung eines Preßprozesses“, Zeitungsartikel in „Neues Fremdenblatt“ vom 7. Juli 1865
„Tumulte an der Wiener Universität“, Zeitungsartikel in „Grazer Volksblatt“ vom 3. November 1883
„Tumulte an der Wiener Universität“, Zeitungsartikel in „Grazer Volksblatt“ vom 3. November 1883

Geschichte

Ottokar Lorenz, Sohn des Gymnasialdirektors Anton Lorenz, absolvierte das Gymnasium in Olmütz und nahm 1851 ein Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien auf. Zu seinen Lehrern zählten unter anderem der Klassische Philologe Hermann Bonitz, der Philosoph Franz Lott – dessen Tochter Maria er 1862 heiraten sollte – sowie die Historiker Heinrich Wilhelm Grauert, Albert Jäger und Josef von Aschbach. 1854 bestand Lorenz die Lehramtsprüfung für Geschichte und Geografie. Im Studienjahr 1855/56 zählte er zu den Mitgliedern des ersten Ausbildungslehrgangs des neugegründeten Instituts für österreichische Geschichtsforschung. Ohne Promotion, jedoch aufgrund erster historischer Forschungsarbeiten und der Fürsprache seiner Lehrer Aschbach und Jäger wurde Ottokar Lorenz 1856 für das Fach Geschichte an der Universität Wien habilitiert. Zeitgleich wurde er als Gehilfe an der Universitätsbibliothek tätig, bis er 1857 eine Anstellung als Beamter am Haus-, Hof- und Staatsarchiv fand. Hier widmete er sich besonders Studien zu Geschichte und Quellen des Hochmittelalters, zur Pragmatischen Sanktion sowie der österreichischen Geschichte ab 1815.

1860 erfolgte Ottokar Lorenzʼ Ernennung zum außerordentlichen Professor für Österreichische Geschichte an der Universität Wien. Nach Ablehnung einer Berufung an die Universität Freiburg im Breisgau, wurde er 1861 zum Ordinarius für Allgemeine und Österreichische Geschichte ernannt. Daneben war er zunächst weiterhin als Beamter am Staatsarchiv tätig.

Neben Forschung und Lehre war Ottokar Lorenz publizistisch äußerst aktiv und verfasste etwa im Auftrag des Innenministers Alexander von Bach sowie des Staatsministers Anton von Schmerling politisch-historische Abhandlungen. Bisher ein Anhänger der österreichischen Reichsidee, vertrat er jedoch kurz vor Schmerlings Rücktritt und vor der Verfassungssistierung in einem Leitartikel in der „Presse“ vom 14. März 1865 eine kritische Haltung gegenüber dem Vorgehen der Regierung. Da Kaiser Franz Joseph sich durch den Artikel persönlich angegriffen fühlte, wurde Lorenz als Archivmitarbeiter suspendiert, ein eigens eingeleiteter Presseprozess wegen „Verbrechen der Störung der öffentlichen Ruhe“ wurde jedoch im Juli 1865 eingestellt.

Wissenschaftlich befasste sich Lorenz in den 1860er- und 1870er-Jahren vor allem mit deutscher und österreichischer Geschichte im Spätmittelalter und veröffentlichte dazu zwei seiner Hauptwerke, 1863 bis 1867 das zweibändige Werk „Deutsche Geschichte des 13. und 14. Jahrhunderts“ (1863/1867) und „Deutschlands Geschichtsquellen seit der Mitte des 13. Jahrhunderts“ (1870). Neben der 1871 mit Wilhelm Scherer publizierten „Geschichte des Elsasses“ erschienen zudem kürzere Arbeiten zur Mittleren und Neueren Geschichte.

Lorenz, der seit 1870 Mitdirektor des philologisch-historischen Seminars an der Universität Wien war, zählte zu den wichtigsten Mitarbeitern des Instituts für österreichische Geschichtsforschung. Er gehörte seit 1860 der Akademie der Wissenschaften in Wien als korrespondierendes, seit 1877 als wirkliches Mitglied an (ab 1885 wieder korrespondierendes Mitglied). 1867 wurde ihm das Ehrendoktorat der Philosophischen Fakultät der Universität Königsberg verliehen. Er gehörte dem Gelehrtenausschuss des Germanischen Museums in Nürnberg sowie dem Beratergremium der Allgemeinen Deutschen Biographie an.
An der Universität Wien wurde Ottokar Lorenz für das Studienjahr 1867/68 zum Dekan der Philosophischen Fakultät und 1880/81 zum Rektor gewählt.

Als Friedrich Masssen 1883 als Rektor der Universität Wien für die tschechischen Schulen in Wien und Niederösterreich eintrat und damit langanhaltende Proteste der deutschnationalen Studenten sowie Professorenkollegen auf sich zog, ergriff Ottokar Lorenz klar für ihn Partei. Die Kritik an den studentischen Aktionen gegen Maassen sowie an der Untätigkeit von Rektor Karl Wedl brachte wiederum Lorenz massive Anfeindungen von deutschnationaler Seite ein.

Aufgrund der zunehmend feindlichen Stimmung in Wien nahm Lorenz 1885 eine Berufung an die Universität Jena – auf Vermittlung von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha – an. Hier fungierte er im Wintersemester 1892 als Rektor.
In Jena befasste er sich wieder mit der Neuesten Geschichte und veröffentlichte 1896 „Staatsmänner und Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts“ sowie 1902 „Kaiser Wilhelm und die Begründung des Reiches von 1866 bis 1871“. Besonders aber widmete er sich im Allgemeinen den Problemen, Zielen und Methoden der Geschichtswissenschaft sowie den historischen Hilfswissenschaften. Leopold von Ranke folgend strich er die Bedeutung der Generationen für die geschichtliche Periodisierung hervor und befasste sich davon ausgehend im Besonderen mit der Genealogie. Mit seinen Publikationen „Genealogische Hand- und Schulatlas“ (1892, später unter dem Titel „Genealogisches Handbuch der europäischen Staatengeschichte“) und „Lehrbuch der gesamten wissenschaftlichen Genealogie“ (1898) gilt er als Begründer der wissenschaftlichen Genealogie.

Werke (Auswahl)

Die Erwerbung Oesterreichs durch Ottokar von Böhmen. Ein Beitrag zur österreichischen Geschichte, 1857.
Ottokar II. von Böhmen und das Erzbisthum Salzburg 1246–1260, 1860.
Joseph II. und die belgische Revolution: nach den Papieren des General-Gouverneurs Grafen Murray 1787, 1862.
Deutsche Geschichte im 13. und 14. Jahrhundert, 2 Bände, 1863/67 (Band 1 | Band 2).
Geschichte König Ottokars II. von Böhmen und seiner Zeit, 1866. 
Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter von der Mitte des 13. Jahrhunderts, 1870 (3. Auflage, 2 Bände, 1886/87, Nachdruck 1999). 
gem. mit Wilhelm Scherer: Geschichte des Elsasses von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, Bilder aus dem politischen und geistigen Leben der deutschen Westmark, 1871 (3. Auflage 1886). 
Papstwahl und Kaiserthum, eine historische Studie aus dem Staats- und Kirchenrecht, 1874.
Die Politik als historische Wissenschaft (Inaugurationsrede), 1881.
Die Geschichtswissenschaft in Hauptrichtungen und Aufgaben, 2 Bände, 1886–91;
Genealogischer Hand- und Schulatlas, 1892 (3. Auflage: Genealogisches Handbuch der europäischen Staatengeschichte, 1908).
Staatsmänner und Geschichtschreiber der 19. Jahrhunderts, 1896.
Lehrbuch der gesammten wissenschaftlichen Genealogie, 1898. 
Kaiser Wilhelm und die Begründung des Reiches 1866 bis 1871, nach Schriften und Mitteilungen beteiligter Fürsten und Staatsmänner, 1902.

Siehe auch

> Österreichisches Biographisches Lexikon (abgerufen am 19.02.2026)
​> Wien Geschichte Wiki (abgerufen am 19.02.2026)
> Deutsche Biographie (abgerufen am 19.02.2026)
> Wikipedia (abgerufen am 19.02.2026)

Autor*innen

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert

24.09.2026

Versionierter Zitationslink

https://geschichte-v2026.visuelles.xyz/de/node/25211/revisions/33750/view

Literatur und gedruckte Quellen

Wolfgang Weber, Biographisches Lexikon zur Geschichtswissenschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz: die Lehrstuhlinhaber für Geschichte von den Anfängen des Faches bis 1970 (Frankfurt am Main and Wien 1984).
Theresia Mayerhofer, Der Lehrkörper der Philosophischen Fakultät der Universität Wien von 1848 bis 1873 (Dissertation, Universität Wien) (Wien 1982).
Heribert Sturm, Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder. Bd. 1.
Margarete Steiner, Die Wiener Zeit des Ottokar Lorenz (Universität Wien 1954).
Alphons Lhotsky, Geschichte des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 1854–1954 (Graz and Köln 1954).
Ernst Kirchshofer, Die Geschichte des Philologisch-Historischen Seminars an der Universität Wien (Universität Wien 1948).
Wilhelm Kosch, Das katholische Deutschland. Bd. 2 (Augsburg 1937).
Franz Huter, Ludwig Bittner, Biografien der Archivbeamten seit 1749. In: Gesamtinventar d. Wiener Haus-, Hof- u. Staatsarchivs, 1:1-166.
Anton Bettelheim, Lorenz Ottokar. Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog 9 (vom 1. Januar bis 31. Dezember 1904) (1906) (1906) 242, online unter http://www.archive.org/stream/biographischesj03wolfgoog#page/n257/mode/….
August Fournier, Ottokar Lorenz (Nekrolog). Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 26 (1905) (1905) 190–195.
Oswald Redlich, Ottokar Lorenz. Almanach der Akademie der Wissenschaften in Wien für das Jahr 1904 54 (1904) (1904) 399-403.
Hermann Heller, Mährens Männer der Gegenwart. Biographisches Lexikon. Bd. 3 (Brünn 1889).
Constantin Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, enthaltend die Lebensskizzen der denkwürdigen Personen, welche seit 1750 in den österreichischen Kronländern geboren wurden oder darin gelebt und gewirkt haben, 60 Tl (Wien).

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